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Kleine Kostüme und Uniformen auf Miniaturpuppen in den Vitrinen eines Brüsseler Museums
Brüssel · Rue de l'Étuve

Manneken Pis: der Brunnen, die Kopie und 1.200 Kostüme

Die Bronzefigur an der Ecke Rue de l'Étuve und Rue du Chêne ist eine Kopie von 1965. Das Original von 1619 steht im Brüsseler Stadtmuseum am Grand-Place, die Kostüme hängen in einem eigenen Museum ein paar Häuser weiter. Und der Brunnen selbst ist fast 200 Jahre älter als die Figur.

1451
erste Erwähnung
1619
Figur von Duquesnoy
1.200
Kostüme
181
Tage eingekleidet (2018)

Im Jahr 1451 nennt ein Brüsseler Verwaltungsdokument über die Wasserleitungen der Stadt einen Brunnen „daer dmenneken pist“, dort, wo das Männchen pinkelt. Das ist die älteste bekannte Spur. Der Name war also schon da, lange bevor die Figur entstand, die heute auf Millionen Fotos steht.

Zum 400. Geburtstag 2019 nannte die Stadt Brüssel das Manneken-Pis die zweitmeistbesuchte Sehenswürdigkeit der Stadt. Was die meisten Besucher fotografieren, ist allerdings eine Kopie. Das Original wurde zweimal gestohlen: Einmal tauchte es in elf Stücken wieder auf, beim zweiten Mal zerbrach es, und der Oberkörper landete im Kanal. Seit 1966 steht es im Museum.

StandortEcke Rue de l'Étuve und Rue du Chêne, 1000 Brüssel
Erste Erwähnung1451, als Brunnen „daer dmenneken pist“
Heutige FigurBronze von Jérôme Duquesnoy dem Älteren, 1619
Am BrunnenKopie, aufgestellt nach dem Diebstahl von 1965
OriginalStadtmuseum (Maison du Roi) am Grand-Place, seit 1966
Kostümerund 1.200 (Stand 2026)
Ältestes erhaltenes Kostüm1747, Geschenk König Ludwigs XV. von Frankreich
Feste Einkleidungstermine23 pro Jahr, dazu Termine auf Anfrage
GardeRobe MannekenPisRue du Chêne 19, Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr
Eintritt10 Euro für Stadtmuseum und GardeRobe, unter 18 Jahren frei (Stand Oktober 2026)

Ein Brunnen, älter als die Figur

Das Manneken-Pis war zuerst Infrastruktur. Brüssel legte laut der Pressemappe, die die Stadt zum 400. Geburtstag der Figur herausgab, schon im 13. Jahrhundert öffentliche Brunnen an, um die wachsende Bevölkerung mit Trinkwasser zu versorgen. Der Brunnen an der Rue de l'Étuve kam wahrscheinlich im 15. Jahrhundert dazu. Auf dem Stadtplan von Georg Braun und Franz Hogenberg von 1572 steht er noch mitten auf der Straße.

1619 ließ die Stadt den Brunnen erneuern. Säule, Becken und Figur wurden ersetzt, und das Ensemble rückte an die Stelle, an der es heute steht, auf eine Fläche, die durch den Abriss eines Hauses frei geworden war. 1770 tauschte man die schlichte Säule gegen eine wuchtige Rocaille-Kulisse aus, die ursprünglich für einen anderen Brunnen gedacht war. Seither wirkt die Figur in ihrer Nische kleiner, als sie ist, und ihren fein gearbeiteten Rücken sieht niemand mehr.

1851 verlor der Brunnen seine eigentliche Aufgabe. Brüssel gehörte zu den ersten europäischen Hauptstädten mit einer Wasserleitung bis in die Wohnungen, und die meisten öffentlichen Brunnen wurden abgebaut. Das Manneken-Pis blieb, weil es längst berühmt war, und wurde zum reinen Zierbrunnen hinter einem schmiedeeisernen Gitter.

Jérôme Duquesnoy, der vergessene Bildhauer

Der Mann, der 1619 den Auftrag bekam, war zu Lebzeiten eine Größe. Jérôme Duquesnoy der Ältere, um 1570 im nordfranzösischen Béthune geboren, arbeitete ab 1595 als Meister in Brüssel, für die Kirchen der Stadt, den Magistrat und die Erzherzöge Albrecht und Isabella, deren Palast auf dem Coudenberg er mit ausstattete. Von seinen Werken sind nur sechs erhalten, neben dem Manneken-Pis vor allem das Tabernakel der Sint-Martinuskerk in Aalst. Er starb im Dezember 1650 in Brüssel. Zwei Söhne wurden ebenfalls Bildhauer, darunter François Duquesnoy, der für Papst Urban VIII. arbeitete.

Dass die Stadt einen ihrer bekanntesten Bildhauer für eine Brunnenfigur holte, zeigt, welches Gewicht das Manneken-Pis schon damals hatte. Das pinkelnde Kind war vom 15. bis ins 18. Jahrhundert ein beliebtes Brunnenmotiv in ganz Europa. Duquesnoy machte daraus einen barocken Knaben, zart und muskulös zugleich, mit einem verschmitzten Lächeln.

Gestohlen, zerbrochen, aus dem Kanal gefischt

Die Liste der Übergriffe ist lang. 1747 versuchten Soldaten der französischen Garnison in Brüssel, die Figur zu stehlen. König Ludwig XV. entschuldigte sich auf seine Weise: Er verlieh dem Manneken-Pis den Ludwigsorden und schenkte ihm ein Edelmannskostüm, das älteste, das bis heute erhalten ist. 1817 wurde die Figur tatsächlich gestohlen und rasch wiedergefunden, in elf Stücken. Sie wurde restauriert, der Täter schwer bestraft.

Der folgenreichste Diebstahl geschah 1965. Die Figur brach dabei in zwei Teile, Füße und Knöchel blieben auf dem Sockel, der Oberkörper verschwand. Die Stadt stellte eine Kopie auf, die bis heute dort steht. Ein Jahr später führte ein anonymer Anruf zum Kanal Brüssel-Charleroi, wo der fehlende Teil lag. Beide Stücke kamen ins Museum, 2003 wurde das Original restauriert.

Die Legenden und ein Buch von 1824

Warum ausgerechnet ein pinkelnder Bub? Die bekannteste Antwort erzählt visit.brussels: Brüssel wird belagert, die Angreifer legen eine brennende Lunte an die Stadtmauer, und ein kleiner Junge, der nachts hinausmuss, löscht sie auf die einzige Art, die ihm zur Verfügung steht. Viele spätere Darstellungen stützen sich auf eine Geschichte des Manneken-Pis, die der französische Schriftsteller Jacques Collin de Plancy 1824 veröffentlichte und in der er solche Legenden erzählt. Die Stadt bezeichnet diese Erzählung als fiktiv.

Belegt ist dagegen, wie früh die Figur zur Stimme der Brüsseler wurde. Nach dem französischen Bombardement von 1695 machte eine Spottschrift gegen Ludwig XIV. das Manneken-Pis zum Sprecher der Brüsseler. Die Figur hatte den Beschuss überstanden, anders als weite Teile der Innenstadt. Mehr zur Geschichte Belgiens →

Die Garderobe: 1.200 Kostüme und ein städtischer Ankleider

Das Manneken-Pis ist nach Angaben der Stadt die einzige bekannte weltliche Statue mit eigener Garderobe. Eingekleidete Heiligenfiguren gibt es viele, eine Brunnenfigur mit Kleiderschrank nur hier. Zum ersten Mal ist es 1615 in Kostüm zu sehen, als Hirte auf einem Gemälde von Denis van Alsloot, das die Ommegang-Prozession zeigt. 1698 schenkte Kurfürst Maximilian Emanuel von Bayern ein Kostüm, 1747 folgte das Geschenk Ludwigs XV. Seit 1756 ist ein eigener Ankleider bezeugt, im 18. Jahrhundert trug die Figur mindestens viermal im Jahr Festtracht.

Richtig in Schwung kam die Sammlung im 20. Jahrhundert. Zwischen 1918 und 1940 kamen etwa 30 Kostüme dazu, von 1945 bis in die 1970er Jahre fünf bis fünfzehn pro Jahr. Das tausendste lieferte 2018 der Modedesigner Jean-Paul Lespagnard, überreicht vom Atomium zu dessen 60. Geburtstag. Im Oktober 2019 zählte die Stadt 1.032 Kostüme, im April 2026 meldete das Stadtmagazin Brusseleir rund 1.200. Das sind in sechseinhalb Jahren gut 160 neue Kostüme, im Schnitt etwa 26 pro Jahr oder zwei pro Monat.

Auch die Zahl der Auftritte wuchs. 2015 war das Manneken-Pis an 137 Tagen angezogen, 2018 an 181, also an praktisch jedem zweiten Tag des Jahres. Das Ankleiden ist Aufgabe eines Angestellten der Stadt. 23 Termine stehen fix im Jahreskalender, die übrigen kommen auf Anfrage dazu. Der Veranstaltungskalender der Stadt nennt zuletzt etwa Einkleidungen für die Nationale Bruderschaft der Kahlköpfigen Belgiens und für das Europäische Forum für Katastrophenschutz.

Die GardeRobe MannekenPis in der Rue du Chêne 19 hat im Februar 2017 eröffnet und zeigte zum Start rund 150 Kostüme nach sieben Themen: Geografie, Folklore, Wohltätigkeit und Vereine, Berufe, Persönlichkeiten, Sport und Modedesigner. Für die ganze Sammlung wurde es dort zu eng. Laut Brusseleir übersiedelt die GardeRobe deshalb teilweise in Räume der Stadtmuseen in der Rue de la Violette, die durch den Umzug anderer Sammlungen in ein Depot frei wurden. Die 1.200 Kostüme sollten bis Mitte Juni 2026 dort einziehen und bleiben so in unmittelbarer Nähe des Brunnens.

Wer dem Manneken-Pis ein Kostüm schenken will

Ein Kostüm lässt sich nicht einfach vorbeibringen. Laut Stadt Brüssel braucht es einen offiziellen Antrag an das Kollegium von Bürgermeister und Schöffen. Eine Kommission aus Mitgliedern der Freunde des Ordens des Manneken-Pis und Vertretern der Stadt prüft ihn. Ausgeschlossen sind Kostüme mit werblichem, kommerziellem, politischem oder religiösem Charakter. Stimmt das Kollegium zu, folgt eine offizielle Übergabe, und bei manchen dieser Feiern fließt aus dem Brunnen statt Wasser Bier oder ein anderes Getränk.

Der nächste Termin mit Ansage steht schon fest: In der Woche des Baumes, die die Stadt vom 23. bis 28. November 2026 zum siebten Mal ausrichtet, gehört laut Programm auch eine Einkleidung des Manneken-Pis dazu. Wann er sonst angezogen ist, verrät der monatliche Einkleidungskalender der GardeRobe.

Jeanneke und Zinneke: die Familie in Bronze

Seit 1987 hat das Manneken-Pis eine Schwester. Jeanneke-Pis, ein hockendes Mädchen von 50 Zentimetern, gab Denis-Adrien Debouvrie in Auftrag, um laut visit.brussels die Gleichheit zwischen Männern und Frauen herzustellen. Sie sitzt in der Sackgasse Impasse de la Fidélité. Seit 1999 gibt es auch einen Hund: Het Zinneke, meist Zinneke-Pis genannt, vom Bildhauer Tom Frantzen, hebt in der Rue des Chartreux das Bein. 2015 erfasste ihn ein Auto, nach kurzer Reparatur stand er wieder am Gehsteig. Weitere Brüsseler Kuriositäten versammelt Skurriles Belgien.

Brunnen, Original und Garderobe an einem Vormittag

Die drei Stationen liegen so nah beieinander, dass sie sich zu Fuß in einem Vormittag verbinden lassen. Das Original steht im Stadtmuseum in der Maison du Roi direkt am Grand-Place, die Kopie am Brunnen an der Ecke Rue de l'Étuve und Rue du Chêne, die Garderobe ein paar Häuser weiter in der Rue du Chêne 19. Beide Museen öffnen Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, montags sind sie geschlossen.

Ein Erwachsenenticket für das Stadtmuseum kostet 10 Euro und gilt auch für die GardeRobe. Ab 65 Jahren zahlen Sie 7 Euro, Studierende und einige weitere Gruppen 5 Euro, unter 18 Jahren ist der Eintritt frei (Stand Oktober 2026). Am ersten Sonntag im Monat öffnet das Stadtmuseum gratis, laut Stadt Brüssel ist der nächste dieser Sonntage der 6. Dezember 2026. Am 1. und 11. November sowie am 25. Dezember und 1. Jänner bleibt das Museum zu, am 24. und 31. Dezember schließt es um 16 Uhr.

Anreise aus Österreich

Von Wien fährt der ÖBB Nightjet über Nacht nach Brüssel. Vom Bahnhof Bruxelles-Central erreichen Sie den Grand-Place und den Brunnen zu Fuß in wenigen Minuten. Wer fliegt, landet in Zaventem und nimmt den Zug ins Zentrum. Wer das Manneken-Pis in Kostüm erleben will, wirft vor der Reise einen Blick in den Einkleidungskalender. Mehr zu Brüssel →