Architektur und Jugendstil in Belgien
Belgien ist ein Paradies für Architekturliebhaber. Von romanischen Kirchen und gotischen Kathedralen über barocke Gildehäuser und Jugendstil-Meisterwerke bis zu futuristischen Bauten wie dem Atomium und dem Bahnhof von Liège-Guillemins bietet das kleine Land eine erstaunliche Bandbreite architektonischer Höhepunkte. Auf einer Fläche, die kaum grösser als das Bundesland Brandenburg ist, vereint Belgien nahezu jede europäische Stilepoche in einer bemerkenswerten Dichte. Kaum ein anderes Land der Welt kann pro Quadratkilometer so viele UNESCO-Welterbestätten vorweisen wie dieses Herzstück Europas.
Die architektonische Vielfalt Belgiens spiegelt seine bewegte Geschichte wider. Als Kreuzungspunkt zwischen germanischen und romanischen Kulturräumen, als Schauplatz burgundischer Prachtentfaltung, spanischer und österreichischer Herrschaft sowie als Wiege der Industriellen Revolution hat das Land immer wieder neue Bautraditionen aufgenommen und weiterentwickelt. Das Ergebnis ist ein architektonisches Erbe von aussergewöhnlicher Reichhaltigkeit, das Besucher aus aller Welt anzieht.
| UNESCO-Welterbestätten | 16 Stätten, darunter Belfriede, Beginenhöfe, Grand-Place und Jugendstilbauten |
| Jugendstil-Gebäude in Brüssel | Über 500 erhaltene Art-Nouveau-Bauten, Schwerpunkt in Ixelles und Saint-Gilles |
| Gotische Kathedralen | Bedeutende Bauten in Antwerpen, Brüssel, Gent, Mechelen, Brügge und Tournai |
| Belfriede (Glockentürme) | 33 belgische Belfriede sind UNESCO-Welterbe |
| Beginenhöfe | 13 flämische Beginenhöfe als UNESCO-Welterbe anerkannt |
| Wichtigster Architekturstil | Jugendstil (Art Nouveau), Belgien gilt als Geburtsort der Bewegung |
| Berühmtester Architekt | Victor Horta (1861-1947), Begründer des architektonischen Jugendstils |
Victor Horta und die Geburt des Jugendstils
Brüssel war Ende des 19. Jahrhunderts das unbestrittene Epizentrum des Art Nouveau. Victor Horta (1861-1947), geboren in Gent und ausgebildet an der Brüsseler Akademie der Schönen Künste, revolutionierte die Architektur mit organischen Formen, sichtbaren Eisenkonstruktionen und lichtdurchfluteten Räumen. Als er 1893 das Hôtel Tassel in der Rue Paul-Emile Janson entwarf, schuf er damit das erste Jugendstilgebäude der Welt und leitete eine architektonische Revolution ein, die ganz Europa erfassen sollte.
Hortas Genie lag in der Verbindung von Ästhetik und Innovation. Er nutzte industrielle Materialien wie Eisen und Glas nicht nur als Konstruktionselemente, sondern machte sie zum dekorativen Herzstück seiner Bauten. Seine geschwungenen Linien, inspiriert von Pflanzenstengeln und natürlichen Wachstumsformen, durchzogen alles: von den tragenden Säulen über die Treppengeländer bis zu den Türklinken und Bodenmosaiken. Horta entwarf seine Häuser als Gesamtkunstwerke, bei denen Architektur, Möbel, Beleuchtung und Dekoration eine harmonische Einheit bildeten.
Hôtel Tassel (1893)
Das Hôtel Tassel in der Rue Paul-Emile Janson 6 gilt als Geburtsstätte des Jugendstils in der Architektur. Horta entwarf es für den Ingenieur Emile Tassel und brach dabei radikal mit den neoklassizistischen Konventionen seiner Zeit. Das offene Treppenhaus mit seinen sichtbaren Eisensäulen und den berühmten peitschenförmigen Linien wurde zum Markenzeichen des neuen Stils. Seit 2000 gehört es zum UNESCO-Welterbe.
Hôtel Solvay (1898)
Der Industrielle Armand Solvay gab Horta bei diesem Prachtbau an der Avenue Louise völlig freie Hand und stellte ein nahezu unbegrenztes Budget zur Verfügung. Das Ergebnis ist eines der luxuriösesten Jugendstilhäuser Europas. Kostbare Materialien wie Marmor, Onyx, Tropenhölzer und Bronze wurden zu einem überwältigenden Gesamtkunstwerk vereint. Das Haus ist ebenfalls UNESCO-Welterbe und nur selten für Besichtigungen zugänglich.
Horta-Museum
Hortas ehemaliges Wohn- und Atelierhaus in der Rue Américaine in Saint-Gilles ist heute ein Museum und die beste Möglichkeit, sein Werk von innen zu erleben. Das Gebäude zeigt exemplarisch, wie Horta Licht und Raum inszenierte: Ein zentrales Glasdach flutet das spiralförmige Treppenhaus mit natürlichem Licht. Jedes Detail, vom Mosaikboden bis zu den Wandmalereien, trägt Hortas Handschrift.
Die vier UNESCO-Stadthäuser von Victor Horta
Seit dem Jahr 2000 stehen vier von Hortas Brüsseler Stadthäusern gemeinsam auf der UNESCO-Welterbeliste: das Hôtel Tassel, das Hôtel Solvay, das Hôtel van Eetvelde und das Horta-Museum (sein ehemaliges Wohnhaus). Diese Anerkennung unterstreicht Hortas fundamentalen Beitrag zur Architekturgeschichte. Das Hôtel van Eetvelde in der Avenue Palmerston besticht durch seinen Wintergarten mit einer Glaskuppel, die von schlanken Stahlsäulen getragen wird. Zusammen bilden die vier Häuser ein einzigartiges Zeugnis der Jugendstilbewegung.
Paul Hankar: Der vergessene Pionier
Neben Victor Horta war Paul Hankar (1859-1901) einer der Mitbegründer des belgischen Jugendstils, der heute zu Unrecht weniger bekannt ist. Hankar entwarf 1893 sein eigenes Wohnhaus in der Rue Defacqz praktisch zeitgleich mit Hortas Hôtel Tassel. Sein Stil war kantiger und geometrischer als Hortas fliessende Linien und nahm in mancher Hinsicht den späteren Wiener Jugendstil vorweg. Hankar integrierte japanische Einflüsse und Sgraffito-Wandmalereien in seine Fassaden. Tragischerweise starb er bereits mit 42 Jahren, weshalb sein Werk deutlich kleiner blieb als das Hortas. Dennoch sind seine Bauten in der Brüsseler Gemeinde Saint-Gilles bis heute eindrucksvolle Zeugnisse des frühen Art Nouveau.
Henry van de Velde: Vom Maler zum Universalkünstler
Henry van de Velde (1863-1957) aus Antwerpen war eine der vielseitigsten Figuren des Jugendstils. Er begann als neoimpressionistischer Maler, wandte sich dann dem Kunstgewerbe und der Architektur zu und wurde zu einem der einflussreichsten Designer und Theoretiker seiner Epoche. Sein Wohnhaus Bloemenwerf in Uccle (1895) war ein frühes Beispiel eines Gesamtkunstwerks, bei dem van de Velde nicht nur das Gebäude, sondern auch die Möbel, das Besteck und sogar die Kleider seiner Frau entwarf.
Van de Veldes grösster Einfluss entfaltete sich jedoch in Deutschland, wo er 1902 nach Weimar berufen wurde und dort die Kunstgewerbeschule gründete, aus der später das weltberühmte Bauhaus hervorging. Er war somit ein entscheidender Wegbereiter der modernen Designbewegung. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er nach Belgien zurück und entwarf unter anderem die Universitätsbibliothek in Gent und das Kröller-Müller-Museum in den Niederlanden. Van de Velde vertrat die Überzeugung, dass gutes Design für alle Menschen zugänglich sein sollte, und legte damit den Grundstein für das moderne Industriedesign.
Die Jugendstil-Viertel von Brüssel
Brüssel besitzt heute noch über 500 erhaltene Jugendstilgebäude, die sich vor allem in den Gemeinden Ixelles, Saint-Gilles und Schaerbeek konzentrieren. Diese Viertel entstanden Ende des 19. Jahrhunderts als Wohngebiete für das aufstrebende Bürgertum, und die wohlhabenden Auftraggeber ermöglichten den Architekten grosse gestalterische Freiheit. Ein Spaziergang durch die Rue Defacqz, die Avenue Brugmann oder die Rue Faider gleicht einem Gang durch ein Freilichtmuseum des Art Nouveau.
Neben den grossen Meistern schufen auch zahlreiche weniger bekannte Architekten wie Gustave Strauven, Ernest Blérot und Paul Cauchie bemerkenswerte Jugendstilbauten. Strauven war bekannt für seine extravaganten Schmiedeeisen-Fassaden, während Blérot ganze Strassenzüge im einheitlichen Jugendstil gestaltete. Das Maison Cauchie in Etterbeek besticht durch seine monumentalen Sgraffito-Wandbilder und ist heute ein kleines Museum. Die Vielfalt der Brüsseler Jugendstilarchitektur zeigt, dass der Art Nouveau weit mehr war als nur ein Stil: Er war eine gesamte Lebensphilosophie, die Kunst, Handwerk und Alltag miteinander verbinden wollte.
Romanische Architektur
Die ältesten erhaltenen Bauwerke Belgiens stammen aus der romanischen Epoche des 10. bis 12. Jahrhunderts. Zu den bedeutendsten romanischen Sakralbauten gehört die Stiftskirche Sainte-Gertrude in Nivelles, die zu den grössten romanischen Kirchen Europas zählt. Ihre imposante Westfassade mit dem mächtigen Westwerk vermittelt einen Eindruck von der Grösse und Strenge dieses frühen Baustils. Auch die Kathedrale Notre-Dame in Tournai vereint romanische und gotische Elemente in einzigartiger Weise: Ihr romanisches Langhaus wird von fünf Türmen gekrönt, die sie zu einem UNESCO-Welterbe machen. Die romanische Architektur Belgiens zeichnet sich durch massive Mauern, Rundbogenfenster und eine schlichte, kraftvolle Formensprache aus.
Brabantische Gotik
Belgien entwickelte mit der Brabantischen Gotik einen eigenen regionalen Stil, der sich von der französischen Hochgotik deutlich unterschied. Charakteristisch sind die Verwendung von weissem Sandstein aus der Region, die reiche Bauplastik mit Kreuzblumen und Krabben sowie die besonderen Turmkonstruktionen. Die Brabantische Gotik blühte vom 14. bis zum 16. Jahrhundert und hinterliess einige der beeindruckendsten sakralen und profanen Bauten Europas.
Das Rathaus von Löwen (1439-1469) gilt als Meisterwerk der Brabantischen Spätgotik. Seine Fassade ist mit 236 Statuennischen geschmückt und wurde mit einer derartigen Detailversessenheit gestaltet, dass es zu den am reichsten dekorierten gotischen Profanbauten der Welt zählt. Die drei übereinanderliegenden Arkadenreihen und die sechs schlanken Turmspitzen an den Ecken machen es zu einem steinernen Spitzenwerk von atemberaubender Feinheit.
Liebfrauenkathedrale Antwerpen
Die Onze-Lieve-Vrouwekathedraal in Antwerpen ist die grösste gotische Kirche der Beneluxländer. Ihr 123 Meter hoher Nordturm dominiert die Skyline der Scheldestadt. Der Bau wurde 1352 begonnen und erst 1521 vollendet. Im Inneren beherbergt die Kathedrale vier Meisterwerke von Peter Paul Rubens, darunter die berühmte Kreuzaufrichtung und die Kreuzabnahme. Die Kathedrale ist Teil des UNESCO-Welterbes der belgischen Belfriede.
St.-Bavo-Kathedrale Gent
Die Kathedrale in Gent ist berühmt als Heimat des Genter Altars von Jan van Eyck, eines der bedeutendsten Kunstwerke der abendländischen Malerei. Der gotische Bau besticht durch seinen romanischen Unterbau, den gotischen Chor und das barocke Hauptschiff, die verschiedene Epochen in sich vereinen. Die Kathedrale war Krönungsort Karls V. im Jahr 1500.
St.-Rombouts-Kathedrale Mechelen
Die Kathedrale von Mechelen ist bekannt für ihren mächtigen, 97 Meter hohen Turm, der ursprünglich auf 167 Meter geplant war. Er beherbergt zwei Glockenspiele und bietet einen weiten Blick über die flämische Ebene. Mechelen war im 16. Jahrhundert Sitz des Erzbischofs und damit das religiöse Zentrum der Niederlande. Mehr zum Carillon in Belgien
Belgiens Belfriede: Symbole bürgerlicher Freiheit
Die Belfriede (Glockentürme) gehören zu den charakteristischsten Bauwerken Belgiens und des gesamten historischen Flandern. 33 belgische Belfriede sind gemeinsam als UNESCO-Welterbe anerkannt. Diese Türme waren weit mehr als nur architektonische Wahrzeichen: Sie symbolisierten die Unabhängigkeit und den Wohlstand der mittelalterlichen Städte. Im Belfried hingen die Glocken, die die Bürger zu Versammlungen riefen, vor Gefahren warnten und den Tagesablauf strukturierten. Der berühmteste ist der 83 Meter hohe Belfried von Brügge mit seinen 47 Glocken, die noch heute regelmässig vom Stadtcarilloneur gespielt werden. Mehr zum Carillon
Grand-Place Brüssel: Das barocke Juwel
Der Grand-Place (Grote Markt) im Herzen von Brüssel gilt als einer der schönsten Plätze der Welt und ist seit 1998 UNESCO-Welterbe. Das gotische Rathaus aus dem 15. Jahrhundert mit seinem 96 Meter hohen Turm bildet das Herzstück des Ensembles. Die umgebenden Gildehäuser wurden nach der Bombardierung durch die Truppen Ludwigs XIV. im Jahr 1695 innerhalb weniger Jahre im prächtigen Barockstil wiederaufgebaut. Jede Gilde versuchte, ihre Nachbarn mit noch reicherer Dekoration zu übertrumpfen, was dem Platz seine einzigartige, harmonisch-opulente Gestalt verlieh.
Besonders beeindruckend sind das Maison du Roi (Broodhuis), das heute das Stadtmuseum beherbergt, sowie die Gildehäuser der Brauer, Bäcker und Schneider mit ihren vergoldeten Fassadenskulpturen. Alle zwei Jahre im August wird der Platz für den berühmten Blumenteppich mit einem riesigen Teppich aus Begonienblüten geschmückt. Bei abendlicher Beleuchtung entfaltet der Grand-Place eine fast unwirkliche Schönheit, die Besucher immer wieder in Staunen versetzt.
UNESCO-Welterbestätten der belgischen Architektur
Belgien verfügt über eine bemerkenswerte Anzahl von UNESCO-Welterbestätten, die das architektonische Erbe des Landes würdigen. Dazu gehören die vier Jugendstil-Stadthäuser von Victor Horta, die 33 Belfriede von Belgien und Frankreich, der Grand-Place in Brüssel, die 13 flämischen Beginenhöfe, die Kathedrale Notre-Dame in Tournai sowie das Plantin-Moretus-Museum in Antwerpen. Zusammen bilden diese Stätten ein einzigartiges Panorama europäischer Baukunst vom Mittelalter bis in die Moderne.
Art Deco in Brüssel
Nach dem Ersten Weltkrieg löste der Art Deco den Jugendstil als vorherrschenden Stil ab. Brüssel besitzt eine bemerkenswerte Sammlung von Art-Deco-Bauten, die oft im Schatten des berühmteren Jugendstils stehen. Der Palais des Beaux-Arts (Bozar), 1928 von Victor Horta selbst entworfen, markiert den Übergang vom Jugendstil zum Art Deco und ist eines der grössten Kulturzentren Europas. Das Gebäude zeigt, wie sich auch Hortas Stil im Laufe der Zeit weiterentwickelte: Statt geschwungener organischer Linien dominieren hier klare geometrische Formen.
Die Résidence Palace in der Rue de la Loi, heute Teil des Europaratsgebäudes, ist ein weiteres herausragendes Beispiel des Brüsseler Art Deco. Der ehemalige Luxus-Wohnkomplex aus den 1920er-Jahren beeindruckt mit seinem erhaltenen Schwimmbad aus Marmor und vergoldeten Mosaiken. Auch das Flagey-Gebäude in Ixelles, einst das Haus des belgischen Rundfunks und wegen seiner Form als Dampfschiff bekannt, ist ein Art-Deco-Juwel, das heute als Kulturzentrum und Konzerthalle dient.
Moderne und zeitgenössische Architektur
Das Atomium, zur Weltausstellung 1958 von André Waterkeyn entworfen, ist das Wahrzeichen Brüssels und eines der bekanntesten Bauwerke Belgiens. Die 102 Meter hohe Konstruktion stellt eine 165-milliardenfache Vergrösserung einer Eisenkristallzelle dar und symbolisierte den Glauben an den wissenschaftlichen Fortschritt der Nachkriegszeit. Ursprünglich nur als temporärer Bau geplant, wurde es nach einer umfassenden Renovierung 2006 zum dauerhaften Monument und beherbergt heute Ausstellungsräume und ein Restaurant mit Panoramablick.
Bahnhof Liège-Guillemins
Der 2009 eröffnete Bahnhof von Lüttich, entworfen vom spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava, ist ein Meisterwerk aus weissem Stahl, Glas und Beton. Seine gewölbte Dachkonstruktion aus 39 Stahlbögen überspannt die Gleise wie ein riesiger Walrücken und schafft einen lichtdurchfluteten Raum von kathedralenhafter Wirkung. Der Bahnhof gilt als einer der schönsten der Welt.
MAS-Museum Antwerpen
Das Museum aan de Stroom (MAS), 2011 eröffnet, thront wie ein moderner Turm im Antwerpener Hafenviertel Eilandje. Die Architekten Neutelings Riedijk stapelten rote Sandsteinblöcke versetzt aufeinander und schufen dazwischen gewellte Glasflächen, die weite Ausblicke über die Stadt ermöglichen. Die Dachterrasse bietet einen der besten Panoramablicke über Antwerpen.
EU-Viertel Brüssel
Das Europaviertel rund um den Rond-Point Schuman ist ein architektonisches Spannungsfeld. Das Berlaymont-Gebäude (Sitz der EU-Kommission) mit seiner markanten Kreuzform und das Europa-Gebäude mit seiner auffälligen eiförmigen Glasfassade stehen neben umstrittenen Bürobauten der 1960er-Jahre. Mehr zur EU in Brüssel
Industriearchitektur und Industrieerbe
Als eines der ersten industrialisierten Länder der Welt besitzt Belgien ein reiches industriearchitektonisches Erbe. Die vier wallonischen Bergwerksstandorte Grand-Hornu, Bois-du-Luc, Bois du Cazier und Blegny-Mine sind gemeinsam als UNESCO-Welterbe anerkannt. Besonders Grand-Hornu, ein neoklassizistischer Industriekomplex aus den 1820er-Jahren, vereint industrielle Funktionalität mit architektonischem Anspruch und dient heute als Museum für zeitgenössische Kunst.
In Gent zeugen die ehemaligen Textilfabriken entlang der Kanäle von der Blütezeit der Baumwollindustrie im 19. Jahrhundert. Viele dieser Gebäude wurden inzwischen zu Kulturzentren, Wohnungen und Büros umgewandelt. In Lüttich erinnern die Hochöfen von Seraing an die einstige Bedeutung der Stahlindustrie. Die Umnutzung dieser Industriebauten ist ein wichtiges Thema der zeitgenössischen belgischen Architektur und zeigt, wie sich industrielles Erbe in lebendige urbane Räume verwandeln lässt.
Ugly Belgian Houses: Ein Phänomen
Belgien ist nicht nur für seine architektonischen Meisterwerke bekannt, sondern auch für ein einzigartiges Phänomen: die sogenannten Ugly Belgian Houses. Ein gleichnamiger Blog und ein Buch dokumentieren die erstaunliche Vielfalt an skurrilen, unharmonischen und bisweilen absurden Wohnhäusern, die die belgische Landschaft prägen. Dieses Phänomen hat kulturelle Wurzeln: Ein belgisches Sprichwort besagt, dass jeder Belgier mit einem Backstein im Bauch geboren wird, und die relativ lockere Baugesetzgebung ermöglichte es lange Zeit, praktisch jeden Bauwunsch zu verwirklichen.
Das Ergebnis ist eine Mischung aus überambitionierten Villen, stilistisch verwirrenden Anbauten und eigenwilligen Experimenten, die in kaum einem anderen Land in dieser Dichte zu finden ist. Was auf den ersten Blick wie ein architektonischer Albtraum wirkt, hat inzwischen eine gewisse Kultbedeutung erlangt und wird sogar als Ausdruck des belgischen Individualismus und Sinns für Absurdität gefeiert. Mehr zu Skurrilem in Belgien
Die Beginenhöfe: Architektur und Sozialgeschichte
Die 13 flämischen Beginenhöfe gehören zu den faszinierendsten architektonischen Ensembles Belgiens und sind seit 1998 UNESCO-Welterbe. Diese ummauerten Wohngemeinschaften für fromme Frauen (Beginen) entstanden ab dem 13. Jahrhundert und verbinden schlichte Backsteinarchitektur mit einer durchdachten städtebaulichen Anlage. Der grosse Beginenhof in Löwen mit seinen über 100 Häusern, der idyllische Beginenhof Ter Hooie in Gent und der malerische Beginenhof in Brügge mit seinen weissgetünchten Häusern um einen grünen Innenhof gehören zu den schönsten Beispielen.
| Hôtel Tassel | 1893, erstes Jugendstilgebäude der Welt, Rue Paul-Emile Janson 6, Brüssel |
| Grand-Place Brüssel | Gotisches Rathaus (15. Jh.) und barocke Gildehäuser (ab 1697), UNESCO seit 1998 |
| Liebfrauenkathedrale Antwerpen | 1352-1521, höchster Kirchturm der Benelux (123 m), vier Rubens-Gemälde |
| Rathaus Löwen | 1439-1469, Brabantische Spätgotik, 236 Statuennischen in drei Arkadenreihen |
| Atomium Brüssel | 1958, 102 m Höhe, Eisenkristall-Struktur, Architekt André Waterkeyn |
| Bahnhof Liège-Guillemins | 2009, Santiago Calatrava, 39 Stahlbögen, 200 Meter Länge |
| Belfried von Brügge | 13.-15. Jahrhundert, 83 Meter hoch, 47 Glocken, 366 Stufen |
| Bozar (Palais des Beaux-Arts) | 1928, Victor Hortas Spätwerk, Übergang Jugendstil zu Art Deco |
Architektur-Tipps für Besucher
Jedes Jahr im Oktober öffnen beim Open Monumentendag normalerweise geschlossene historische Gebäude ihre Türen. In Brüssel lohnt sich besonders ein Spaziergang durch die Jugendstilviertel Ixelles und Saint-Gilles, wo dutzende Art-Nouveau-Fassaden die Strassen säumen. Das Horta-Museum ist ein absolutes Muss für Architekturinteressierte. Für gotische Architektur empfiehlt sich eine Rundreise durch die flämischen Städte Brügge, Gent, Antwerpen und Löwen. Der Bahnhof Liège-Guillemins in Lüttich ist auch ohne Zugreise einen Besuch wert und bietet sich als spektakulärer Ausgangspunkt für die Erkundung der Wallonie an.
Weiterführende Themen
Belgiens Architektur lässt sich nicht isoliert betrachten. Sie ist eng verwoben mit der Geschichte des Landes, seiner Kunsttradition und den einzigartigen Festen und Traditionen. Die Beginenhöfe verbinden Architektur mit einer faszinierenden Sozialgeschichte, während das Carillon (Glockenspiel) eine musikalische Dimension der belgischen Belfriede erschliesst. Wer das moderne Belgien erleben möchte, findet in den Berichten über die EU in Brüssel und die belgische Mode weitere Facetten dieses vielschichtigen Landes.