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Belgische Flagge an einem Fahnenmast
Geschichte · Staatssymbole

Flagge, Wappen, Hymne - Belgiens Symbole

Die belgische Flagge widerspricht seit 1831 der eigenen Verfassung, die Nationalhymne existiert in keiner offiziellen Fassung, und der Wahlspruch stand 139 Jahre lang nur auf Französisch im Staatswappen. Belgiens Symbole erzählen die Geschichte des Landes genauer als jedes Geschichtsbuch.

1831
Flagge und Eid
3
Amtssprachen
21. Juli
Nationalfeiertag
2019
Wappen dreisprachig

Wer die belgische Flagge zum ersten Mal bewusst betrachtet, denkt meist an Deutschland - und liegt damit falsch, aber nicht ganz. Schwarz, Gelb und Rot sind dieselben Farben, doch sie stehen senkrecht statt waagerecht, und ihre Herkunft ist eine völlig andere. Sie stammen nicht aus der Symbolik des 19. Jahrhunderts, sondern aus einem mittelalterlichen Wappen.

Bei genauerem Hinsehen ist an den belgischen Staatssymbolen kaum etwas so eindeutig, wie es scheint. Ein Land, das aus drei Sprachgemeinschaften, drei Regionen und einer schwierigen Kompromissgeschichte besteht, hat auch seine Symbole entsprechend ausgehandelt - manchmal über Jahrhunderte, manchmal gar nicht zu Ende.

Flaggedrei senkrechte Streifen in Schwarz, Gelb und Rot
FarbherkunftWappenschild des früheren Herzogtums Brabant
Wappender belgische Löwe (Leo Belgicus), golden auf schwarzem Grund
WahlspruchEendracht maakt macht / L'union fait la force / Einigkeit macht stark
HymneLa Brabançonne, Text Jenneval, Musik François Van Campenhout, 1830
Offiziellnur die vierte Strophe, festgelegt per Rundschreiben vom 8. August 1921
Nationalfeiertag21. Juli, Eidesleistung Leopolds I. im Jahr 1831
Titel des KönigsKönig der Belgier, nicht König von Belgien
Flandernschwarzer Löwe auf gelbem Grund, Feiertag 11. Juli
Wallonienroter Hahn auf gelbem Grund, Feiertag am dritten Sonntag im September

Die Flagge, die der Verfassung widerspricht

Artikel 193 der belgischen Verfassung, in Kraft seit dem 7. Februar 1831 und bis heute nie geändert, legt die Farben des Landes fest - und zwar in dieser Reihenfolge: rot, gelb, schwarz. Gehisst wird jedoch seit fast zweihundert Jahren eine Flagge, die mit Schwarz am Mast beginnt. Der Verfassungstext und die Wirklichkeit stimmen also nicht überein.

Der Weg dorthin lässt sich rekonstruieren. Am 26. August 1830, in den Tagen der Revolution, wehte eine waagerechte Trikolore in Rot, Gelb und Schwarz. Ein Dekret der provisorischen Regierung vom 23. Januar 1831 ordnete die senkrechte Anordnung an, mit Rot am Mast. Und im Oktober desselben Jahres stellte eine schlichte ministerielle Anweisung die Farben um: Seither steht Schwarz vorn. Als Begründung gilt die bessere Unterscheidbarkeit von der niederländischen Flagge bei Nebel und Pulverdampf - keine unwichtige Frage in einem Land, das sich gerade von den Niederlanden losgesagt hatte.

Juristisch ist der Fall bemerkenswert: Eine Verwaltungsanweisung hat sich gegen den Verfassungstext durchgesetzt und diese Position seit 1831 gehalten. Belgische Staatsrechtler führen ihn als Lehrbuchbeispiel dafür, wie sich Gewohnheit gegen geschriebenes Recht behaupten kann.

Die Farben selbst kommen aus dem Mittelalter. Sie stammen vom Wappenschild des Herzogtums Brabant: ein goldener Löwe auf schwarzem Grund, mit roter Zunge und roten Klauen. Die verbreitete Deutung, Schwarz stehe für Stärke, Gelb für Reichtum und Rot für vergossenes Blut, findet sich auf keiner offiziellen belgischen Quelle - sie ist eine nachträgliche Zuschreibung.

Der Löwe und ein Wahlspruch, der 139 Jahre einsprachig war

Das Staatswappen zeigt den belgischen Löwen, den Leo Belgicus: golden, mit roten Klauen und roter Zunge, vor schwarzem Grund. Er erscheint auch auf dem Kleinen Staatssiegel, das föderale Behörden auf ihren Schreiben führen. Um ihn herum gruppieren sich die Wappen der neun Provinzen, die Belgien 1830 hatte - der Wahlspruch bezieht sich genau darauf: auf ihre Vereinigung.

Dieser Wahlspruch lautet „Einigkeit macht stark", und ausgerechnet an ihm zeigte sich lange die belgische Sprachenfrage. Denn im Wappen des Königshauses stand er von 1880 an ausschließlich auf Französisch: „L'union fait la force". 139 Jahre lang. Erst ein königlicher Erlass vom 12. Juli 2019, unterzeichnet von König Philippe und zum Nationalfeiertag bekanntgegeben, ersetzte die Regelung von 1880 und schrieb die Devise dreisprachig fest - auf Niederländisch, Französisch und Deutsch, in goldenen Buchstaben auf rotem Band.

Für die Deutschsprachige Gemeinschaft, die kleinste der drei, war das mehr als Heraldik. Ein Staatssymbol, das die eigene Sprache über ein Jahrhundert lang nicht führte, sagt einiges über die Gewichte im Land. Mehr zur Deutschsprachigen Gemeinschaft → Mehr zu den Sprachen Belgiens →

Eine Eigenheit noch: Belgische Könige tragen keine Krone. Es gibt keine. Das einzige vergleichbare Stück ist ein Diadem, das Königin Astrid 1926 erhielt - mit neun Diamanten, wieder für die neun Provinzen.

Die Hymne, die es offiziell nicht gibt

Die Brabançonne entstand im Revolutionsjahr 1830. Den Text schrieb Louis-Alexandre Dechet, ein Schauspieler am Brüsseler Theater La Monnaie, der unter dem Namen Jenneval auftrat; die Musik stammt von François Van Campenhout, einem Tenor. Uraufgeführt wurde das Lied im Oktober 1830 an eben diesem Theater.

Der Textdichter erlebte den Staat, den er besang, nicht mehr. Jenneval schloss sich der Revolutionsarmee an und fiel am 18. Oktober 1830 bei Lier in der Provinz Antwerpen - neun Monate bevor Leopold I. den Eid leistete. Insgesamt schrieb er drei Fassungen des Textes; 1860 überarbeitete Premierminister Charles Rogier ihn erneut und entschärfte die Angriffe auf das Haus Oranien.

Und hier wird es eigentümlich: Eine offizielle Fassung der Brabançonne existiert bis heute nicht. Mehrere Kommissionen versuchten, eine festzulegen, und scheiterten. Verbindlich ist allein ein ministerielles Rundschreiben vom 8. August 1921, das ausschließlich die vierte Strophe des Rogier-Textes für offiziell erklärt - und zwar auf Französisch und Niederländisch. Der deutsche Text steht zwar auf dem föderalen Staatsportal, ist von dieser Regelung aber nicht erfasst.

Dass ein Land seine Hymne nie abschließend geregelt hat, führte 2007 zu einer Szene, an die sich in Belgien viele erinnern. Am Nationalfeiertag fragte ein Journalist den späteren Premierminister Yves Leterme, was an diesem Tag gefeiert werde. Leterme antwortete falsch - er nannte die Verkündung der Verfassung. Auf die anschließende Frage, ob er die Brabançonne kenne, sagte er „ein bisschen" und stimmte die Marseillaise an. Er entschuldigte sich später damit, er kenne den Text auf Niederländisch, nicht auf Französisch.

Das Denkmal, das als Wegwerf-Dekoration begann

An der Place Surlet de Chokier in Brüssel steht eine Bronzestatue zu Ehren der Brabançonne, geschaffen von Charles Samuel und 1930 durch öffentliche Sammlung finanziert. Ihre Vorlage war allerdings nicht als Denkmal gedacht: 1918 hatte eine Figur aus Stuck provisorisch auf der Grand-Place gestanden, um die Rückkehr von König Albert I. und Königin Elisabeth nach dem Waffenstillstand zu feiern. Aus der Festdekoration wurde zwölf Jahre später ein dauerhaftes Monument, das seit dem 30. April 2015 unter Denkmalschutz steht. Der Platz trägt übrigens den Namen des Regenten, der Leopold I. am 21. Juli 1831 die Macht übergab.

Nationalflagge

Schwarz, Gelb und Rot senkrecht, abgeleitet vom Wappen des Herzogtums Brabant. Über dem Königlichen Palast weht sie nur, wenn der König sich im Land aufhält.

Flandern

Schwarzer Löwe mit roten Klauen auf gelbem Grund. Der Feiertag am 11. Juli erinnert an die Goldene-Sporen-Schlacht von 1302 gegen den französischen König.

Wallonien

Der rote „kühne Hahn" auf gelbem Grund, entworfen von Pierre Paulus und 1913 angenommen - Emblem der Region wurde er per Dekret aber erst 1998.

Deutschsprachige Gemeinschaft

Ein roter Löwe auf weißem Grund, umgeben von neun blauen Fünfblättern - eines für jede der neun deutschsprachigen Gemeinden. Feiertag ist der 15. November.

Brüssel

Eine gelbe Iris auf blauem Grund, Emblem seit Gründung der Region 1989. Gefeiert wird das Irisfest am 8. Mai.

Der König

Sein Titel lautet „König der Belgier", nicht „König von Belgien" - die Formulierung bindet ihn an die Bürger, nicht an ein Territorium.

Ein Hahn mit geschlossenem Schnabel

Das wallonische Wappentier ist ein Musterbeispiel dafür, wie Symbole durch Abgrenzung entstehen. Der Maler Pierre Paulus entwarf den roten Hahn, den die Wallonische Versammlung am 3. Juli 1913 annahm. Entscheidend war die Abweichung vom französischen Vorbild: Der gallische Hahn kräht mit offenem Schnabel, der wallonische hält den Schnabel geschlossen und hebt die rechte Pfote - daher der Name coq hardi, der kühne Hahn. Ein Zeichen der Kampfbereitschaft, nicht des Krähens, und zugleich eine Absage an die Vereinnahmung durch den großen Nachbarn.

Die Farben Gelb und Rot stammen aus Lüttich. Und weil in Belgien nichts schnell geht: Zwischen der künstlerischen Annahme 1913 und dem Dekret, das den Hahn offiziell zum Emblem der Wallonischen Region machte, vergingen 85 Jahre - es datiert von 1998. Weniger bekannt ist, dass Wallonien auch ein Blumenemblem hat, die gaillarde, seit 1914 von der Union der wallonischen Frauen etabliert. Mehr über Wallonien →

Die Iris aus dem Sumpf

Brüssel führt seit 1989 eine gelbe Iris im Wappen, und die Begründung dafür ist bodenständiger, als man vermuten würde. Die Sumpf-Iris wuchs der Überlieferung nach im 11. Jahrhundert rund um die Befestigungen der Stadt. Weil sie nur dort gedieh, wo der Untergrund fest genug war, zeigte sie den Verteidigern an, welche Stellen sich durchwaten ließen - angreifende Truppen, die es woanders versuchten, versanken.

Der Historiker Roel Jacobs hat daraus die schönste Deutung eines Stadtwappens formuliert, die Belgien zu bieten hat: Brüssel verdankt seine Entstehung weder einem Helden noch einem Kirchenmann, sondern seinen Bewohnern, die die Senne mit Dämmen und Brücken bändigten. Die Iris ist das Bild für diese Arbeit. Die erste Flagge von 1989 entwarf Jacques Richez nach einem öffentlichen Wettbewerb. Mehr über Brüssel →

Der 21. Juli - gefeiert wird nicht die Unabhängigkeit

Belgiens Nationalfeiertag erinnert nicht an den Tag der Unabhängigkeit. Die wurde am 4. Oktober 1830 erklärt. Gefeiert wird stattdessen der 21. Juli 1831, an dem Leopold I. als erster König der Belgier den Eid auf die Verfassung leistete - festgelegt wurde das allerdings erst durch ein Gesetz vom 27. Mai 1890, also 59 Jahre später.

Der Ablauf ist bis heute ähnlich: vormittags ein Te Deum in der Brüsseler Kathedrale im Beisein der Königsfamilie, nachmittags die Parade vor dem Königlichen Palast, abends Konzert und Feuerwerk. Bemerkenswert daran ist, dass es keine reine Militärparade ist - Feuerwehr, Rotes Kreuz und zivile Organisationen ziehen mit. Der Zugang ist kostenlos.

Ein zweites Datum steht im Beflaggungserlass, das den wenigsten bekannt ist: Am 17. Februar wehen die Flaggen an öffentlichen Gebäuden auf halbmast. Es ist der Gedenktag für alle verstorbenen Mitglieder der Königsfamilie. Insgesamt listet der Erlass rund sechzehn Beflaggungstage im Jahr - vom 20. Januar bis zum 4. Dezember. Mehr zur belgischen Monarchie → Mehr zu Festen und Traditionen →

Fünf Feiertage für ein Land

Kaum etwas zeigt den belgischen Staatsaufbau so anschaulich wie sein Festkalender. Neben dem nationalen 21. Juli hat jede Gemeinschaft und jede Region einen eigenen Feiertag, und jeder davon erinnert an ein anderes Ereignis.

Flandern feiert am 11. Juli die Goldene-Sporen-Schlacht von 1302, in der ein flämisches Heer bei Kortrijk die Ritter des französischen Königs schlug. Der Name des Tages stammt von den vergoldeten Sporen, die die Sieger von den Gefallenen sammelten. Dass ausgerechnet ein Sieg über Frankreich zum flämischen Nationalfeiertag wurde, hat mit der Sprachenfrage des 19. und 20. Jahrhunderts mindestens ebenso viel zu tun wie mit dem Mittelalter.

Die Französische Gemeinschaft begeht den 27. September, den Tag, an dem 1830 die Patrioten die niederländischen Truppen aus dem Brüsseler Park vertrieben. Die Wallonische Region feiert am dritten Sonntag im September, die Region Brüssel-Hauptstadt am 8. Mai ihr Irisfest. Und die Deutschsprachige Gemeinschaft wählte den 15. November - denselben Tag, an dem seit 1866 auch das Fest des Königshauses begangen wird, benannt nach den Namenstagen der Heiligen Leopold und Albert.

Fünf Feiertage, fünf verschiedene historische Bezugspunkte, ein Staat. Wer verstehen will, warum belgische Politik so kompliziert ist, findet hier eine kompakte Antwort. Mehr zum politischen System →

Was Sie sich merken sollten

Die belgische Flagge erkennen Sie an der senkrechten Anordnung - waagerecht ist es die deutsche. Die Farben stammen vom Wappen Brabants, nicht aus einer Farbsymbolik. Eine offizielle Fassung der Nationalhymne gibt es nicht, verbindlich ist nur die vierte Strophe auf Französisch und Niederländisch. Und wenn Sie am 21. Juli in Brüssel sind, kommen Sie früh: Die Parade beginnt am Nachmittag, das Fest im Park läuft den ganzen Tag, und der Eintritt kostet nichts.