Die belgische Monarchie
Belgien ist eine konstitutionelle Monarchie, in der der König als Staatsoberhaupt eine vor allem repräsentative, aber durchaus bedeutsame Rolle spielt. Seit der Staatsgründung 1830 hat die belgische Monarchie das Land durch turbulente Zeiten geführt und ist heute ein wichtiges Symbol der nationalen Einheit in einem Land, das oft von Sprachkonflikten geprägt ist. Die Dynastie Sachsen-Coburg und Gotha, die seit der Unabhängigkeit auf dem belgischen Thron sitzt, hat sieben Könige hervorgebracht, von denen jeder auf seine Weise das Land geformt hat.
Die belgische Monarchie unterscheidet sich in mehreren Punkten von anderen europäischen Königshäusern. Der belgische König trägt nicht den Titel „König von Belgien", sondern „König der Belgier" -- ein bewusster Ausdruck der Volkssouveränität, der bereits bei der Staatsgründung festgelegt wurde. Dieser Titel unterstreicht, dass der Monarch seine Legitimität vom Volk ableitet und nicht etwa als Herrscher über ein Territorium fungiert. Die belgische Verfassung von 1831, eine der fortschrittlichsten ihrer Zeit, definierte von Anfang an eine konstitutionelle Monarchie mit klaren Grenzen der königlichen Macht.
Das Haus Sachsen-Coburg und Gotha
Die belgische Königsfamilie gehört zum Haus Sachsen-Coburg und Gotha, einer der einflussreichsten Dynastien Europas. Ursprünglich aus Thüringen stammend, gelang es dieser Familie im 19. Jahrhundert, auf mehreren europäischen Thronen Fuss zu fassen. Neben Belgien stellte das Haus Sachsen-Coburg und Gotha auch die britische Königsfamilie (die sich im Ersten Weltkrieg in Windsor umbenannte), die portugiesische Königsfamilie und das bulgarische Königshaus. Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha wurde 1831 als erster König der Belgier gewählt, nachdem er zuvor als Witwer der britischen Prinzessin Charlotte von Wales bereits enge Verbindungen zum britischen Königshaus unterhielt.
Im Gegensatz zur britischen Linie behielt die belgische Königsfamilie den Dynastienamen Sachsen-Coburg und Gotha offiziell bei, obwohl im Alltag und in den Medien meist einfach von „der belgischen Königsfamilie" gesprochen wird. Seit 2019 tragen die Mitglieder der belgischen Königsfamilie den Nachnamen „van België" (niederländisch), „de Belgique" (französisch) beziehungsweise „von Belgien" (deutsch).
Die belgischen Könige
Leopold I. (1831--1865)
Der erste König der Belgier stammte aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha. Als Witwer der britischen Thronfolgerin Charlotte brachte er diplomatisches Geschick mit und sicherte die Unabhängigkeit des jungen Staates. Er legte den Grundstein für Belgiens Neutralität und industrielle Entwicklung. Leopold I. war ein geschickter Stratege, der durch seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu zahlreichen europäischen Herrscherhäusern Belgiens Stellung in Europa festigte. Unter seiner Herrschaft begann die Industrialisierung Belgiens, das sich rasch zu einer der führenden Industrienationen Europas entwickelte.
Leopold II. (1865--1909)
Der „Baukönig" verwandelte Brüssel mit monumentalen Bauprojekten wie dem Cinquantenaire-Park und den Königlichen Gewächshäusern in Laeken. Sein Privatbesitz des Kongo-Freistaats führte jedoch zu schweren Menschenrechtsverletzungen, die sein Erbe bis heute belasten. Leopold II. war besessen von der Idee einer belgischen Kolonie und erwarb den Kongo als persönlichen Besitz -- nicht als belgische Kolonie, sondern als sein Privateigentum. Die systematische Ausbeutung der Bevölkerung und die brutalen Methoden zur Kautschukgewinnung kosteten Millionen Menschen das Leben.
Albert I. (1909--1934)
Der „Ritterkönig" führte im Ersten Weltkrieg persönlich die belgische Armee an der Yser-Front und wurde zum Nationalhelden. Unter seiner Regentschaft wurde das allgemeine Wahlrecht eingeführt und der Sprachenstreit erstmals gesetzlich geregelt. Albert I. ordnete die Öffnung der Schleusen an der Yser an, wodurch das Hinterland überflutet und der deutsche Vormarsch gestoppt wurde. Er starb 1934 bei einem Kletterunfall in den Felsen von Marche-les-Dames, was bis heute Gegenstand von Spekulationen ist.
Leopold III. (1934--1951)
Seine umstrittene Kapitulation 1940 und sein Verbleib in Belgien während der deutschen Besatzung führten zur „Königsfrage". Nach einem Referendum dankte er 1951 zugunsten seines Sohnes Baudouin ab. Die Königsfrage spaltete das Land tief: In Flandern stimmte eine Mehrheit für die Rückkehr des Königs, in Wallonien und Brüssel war die Ablehnung gross. Massive Streiks und Unruhen, bei denen in Lüttich vier Demonstranten erschossen wurden, zwangen Leopold III. schliesslich zur Abdankung. Dieses Trauma prägte die belgische Politik über Jahrzehnte.
Baudouin I. (1951--1993)
Der beliebteste König der Belgier bestieg den Thron im Alter von nur 20 Jahren und gewann trotz seiner anfänglichen Schüchternheit die Herzen der Belgier. Sein Tod 1993 löste eine beispiellose Trauerwelle aus. Berühmt wurde sein vorübergehender Rücktritt 1990, als er das Abtreibungsgesetz nicht unterzeichnen wollte -- ein einzigartiger Vorgang in der Geschichte konstitutioneller Monarchien. Baudouin heiratete 1960 die spanische Adlige Fabiola de Mora y Aragón; das Paar blieb kinderlos, was die Thronfolge an Baudouins Bruder Albert übergehen liess.
Albert II. (1993--2013)
Albert II. übernahm den Thron nach dem unerwarteten Tod seines Bruders Baudouin. Er regierte in einer der schwierigsten Perioden der belgischen Geschichte, als das Land 2010--2011 nach den Wahlen 541 Tage ohne gewählte Regierung blieb -- ein Weltrekord. Albert II. dankte 2013 im Alter von 79 Jahren aus gesundheitlichen Gründen ab. Er war damit der erste belgische König, der freiwillig abdankte. Sein Privatleben sorgte für Schlagzeilen, als die Künstlerin Delphine Boël behauptete, seine Tochter zu sein -- was 2020 nach einem DNA-Test bestätigt wurde.
Philippe (seit 2013)
Der siebte König der Belgier folgte seinem Vater Albert II. auf den Thron. Philippe gilt als pflichtbewusst und verbindend. Als mehrsprachiger Monarch (Niederländisch, Französisch, Deutsch, Englisch) verkörpert er die Einheit des Landes. Er absolvierte eine Ausbildung an der Königlichen Militärakademie und studierte an der Universität Oxford und Stanford. Philippe übernahm die Krone in einer Zeit, in der die Monarchie vor neuen Herausforderungen stand, und hat es geschafft, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Im Jahr 2020 drückte er in einem historischen Brief sein Bedauern über die belgische Kolonialvergangenheit im Kongo aus.
Fakten zur belgischen Monarchie
| Staatsform | Föderale konstitutionelle Monarchie |
| Amtierender König | Philippe (seit 21. Juli 2013) |
| Königin | Mathilde, geborene d'Udekem d'Acoz |
| Thronfolgerin | Prinzessin Elisabeth, Herzogin von Brabant |
| Dynastie | Sachsen-Coburg und Gotha |
| Monarchie seit | 1831 (Staatsgründung) |
| Anzahl Könige | 7 (von Leopold I. bis Philippe) |
| Offizieller Amtssitz | Königlicher Palast, Brüssel |
| Residenz | Schloss Laeken, Brüssel |
| Nationalfeiertag | 21. Juli (Tag der Eidesleistung Leopolds I.) |
| Thronfolge | Seit 1991 auch weibliche Erbfolge möglich |
| Titel des Königs | König der Belgier (nicht „König von Belgien") |
Die Abdankungskrise von 1990
Einer der bemerkenswertesten Vorfälle in der Geschichte der belgischen Monarchie ereignete sich im April 1990. König Baudouin weigerte sich aus Gewissensgründen, das vom Parlament beschlossene Gesetz zur Liberalisierung der Abtreibung zu unterzeichnen. Als tiefgläubiger Katholik konnte er es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, dieses Gesetz mit seiner Unterschrift in Kraft zu setzen. Die belgische Verfassung sieht jedoch vor, dass der König alle vom Parlament beschlossenen Gesetze unterzeichnen muss.
Um dieses verfassungsrechtliche Dilemma zu lösen, griff die Regierung zu einem einzigartigen juristischen Kunstgriff: König Baudouin wurde für einen Tag für „regierungsunfähig" erklärt, sodass der Ministerrat das Gesetz in seiner Gesamtheit unterzeichnen konnte. Am nächsten Tag wurde Baudouin wieder in seine königlichen Funktionen eingesetzt. Dieser Vorgang ist in der Geschichte konstitutioneller Monarchien beispiellos und wird bis heute in staatsrechtlichen Seminaren als Fallbeispiel herangezogen. Er zeigt sowohl die Grenzen als auch die Flexibilität des belgischen Verfassungssystems.
Leopold II. und die Kongo-Kontroverse
Das dunkelste Kapitel der belgischen Monarchie ist untrennbar mit Leopold II. verbunden. Von 1885 bis 1908 war der Kongo-Freistaat sein persönlicher Besitz -- ein Gebiet, das 76 Mal grösser war als Belgien selbst. Leopold II. nutzte das Territorium rücksichtslos zur wirtschaftlichen Ausbeutung, insbesondere zur Gewinnung von Kautschuk und Elfenbein. Die einheimische Bevölkerung wurde durch ein System der Zwangsarbeit brutal unterdrückt. Wer die vorgeschriebenen Quoten nicht erfüllte, wurde verstümmelt oder getötet. Schätzungen zufolge starben unter Leopolds Herrschaft mehrere Millionen Kongolesen.
Internationale Proteste, angeführt vom britischen Journalisten E. D. Morel und dem Diplomaten Roger Casement, führten schliesslich dazu, dass der belgische Staat 1908 die Kontrolle über den Kongo übernahm. Allerdings blieb die Kolonialpolitik auch danach problematisch. Erst nach den weltweiten Protesten der Black-Lives-Matter-Bewegung im Jahr 2020 begann Belgien, sich intensiver mit diesem Erbe auseinanderzusetzen. Statuen Leopolds II. wurden beschädigt oder entfernt, und König Philippe drückte in einem Brief an den kongolesischen Präsidenten sein Bedauern über die Vergangenheit aus -- eine formelle Entschuldigung blieb jedoch aus.
Die Vaterschaftsaffäre Alberts II.
Über Jahrzehnte hinweg behauptete die belgische Künstlerin Delphine Boël, die aussereheliche Tochter von König Albert II. zu sein. Albert bestritt dies jahrelang und verweigerte einen DNA-Test. Erst nach seiner Abdankung 2013 verlor er seine juristische Immunität, und ein belgisches Gericht ordnete einen Vaterschaftstest an. Im Januar 2020 bestätigte das Ergebnis, dass Albert II. tatsächlich der biologische Vater von Delphine ist. Seitdem trägt sie den Titel Prinzessin Delphine von Sachsen-Coburg und den Nachnamen „von Belgien". Die Affäre beschädigte das Ansehen der Monarchie, wurde aber von vielen Belgiern auch als Zeichen dafür gewertet, dass selbst Könige vor dem Gesetz nicht unantastbar sind.
Die verfassungsrechtliche Rolle des Königs
Die belgische Verfassung weist dem König mehrere wichtige Funktionen zu, die über eine rein zeremonielle Rolle hinausgehen. Der König ernennt und entlässt die Minister, löst das Parlament auf und setzt Gesetze in Kraft. In der Praxis sind diese Befugnisse jedoch an die Gegenzeichnung durch einen Minister gebunden, was bedeutet, dass der König keine eigenständigen politischen Entscheidungen treffen kann. Dennoch verfügt der belgische Monarch über erheblichen informellen Einfluss.
Besonders wichtig ist die Rolle des Königs bei der Regierungsbildung. In Belgiens kompliziertem politischen System mit zahlreichen Parteien und Sprachgemeinschaften können Koalitionsverhandlungen Monate dauern. Der König ernennt einen „Informateur" und später einen „Formateur", die den Auftrag erhalten, eine Regierungskoalition zu schmieden. In Krisenzeiten -- wie während der 541 Tage ohne Regierung 2010--2011 -- spielt der König als Vermittler eine unverzichtbare Rolle. Die drei klassischen Rechte des Monarchen -- das Recht, konsultiert zu werden, das Recht zu ermutigen und das Recht zu warnen -- werden in Belgien aktiv wahrgenommen.
Die königliche Familie heute
König Philippe und Königin Mathilde bilden das Herzstück der heutigen belgischen Monarchie. Mathilde, geborene Jonkvrouw d'Udekem d'Acoz, ist die erste gebürtige Belgierin auf dem Thron. Sie engagiert sich stark für Bildung, psychische Gesundheit und die UN-Nachhaltigkeitsziele und geniesst in der Bevölkerung grosse Beliebtheit. Das Königspaar hat vier Kinder: Prinzessin Elisabeth (geboren 2001), Prinz Gabriel (geboren 2003), Prinz Emmanuel (geboren 2005) und Prinzessin Eléonore (geboren 2008).
Prinzessin Elisabeth, Herzogin von Brabant, ist die Thronfolgerin und wird eines Tages die erste Königin Belgiens sein. Sie absolvierte ihre militärische Grundausbildung an der Königlichen Militärakademie in Brüssel, studierte an der Universität Oxford und schloss ein Masterstudium in Public Policy an der Harvard Kennedy School ab. Elisabeth wird als intelligent, pflichtbewusst und nahbar beschrieben und geniesst in Umfragen hohe Beliebtheitswerte. Ihre künftige Thronbesteigung wird ein historischer Moment sein, da die weibliche Erbfolge in Belgien erst seit 1991 möglich ist.
Königin Mathilde
Die erste belgische Königin, die tatsächlich in Belgien geboren wurde. Mathilde stammt aus einer belgischen Adelsfamilie und ist ausgebildete Logopädin und Psychologin. Ihre Warmherzigkeit und ihr Engagement für soziale Projekte haben sie zu einer der beliebtesten Mitglieder der Königsfamilie gemacht. Sie ist Ehrenpräsidentin mehrerer wohltätiger Organisationen und setzt sich insbesondere für die Rechte von Kindern ein.
Prinzessin Elisabeth
Als Thronfolgerin bereitet sich Elisabeth systematisch auf ihre künftige Rolle vor. Sie spricht fliessend Niederländisch, Französisch, Deutsch und Englisch. Im Jahr 2023 schloss sie ihr Studium an der Harvard University ab. Elisabeth begleitet ihre Eltern zunehmend bei offiziellen Anlässen und vertritt Belgien auch eigenständig auf internationaler Bühne. Sie verkörpert eine moderne, gut ausgebildete Generation europäischer Thronfolger.
Prinzessin Delphine
Seit 2020 offiziell als Tochter König Alberts II. anerkannt, ist Prinzessin Delphine von Sachsen-Coburg ein neueres Mitglied der Königsfamilie. Die Künstlerin, die unter dem Namen Delphine Boël bekannt wurde, führte einen jahrelangen Rechtsstreit um ihre Anerkennung. Heute nimmt sie gelegentlich an offiziellen Veranstaltungen teil und hat eine eigenständige Rolle innerhalb der erweiterten Königsfamilie gefunden.
Königspalast und Schloss Laeken
Der Königspalast in Brüssel ist der offizielle Amtssitz des belgischen Monarchen und liegt am Rande des Brüsseler Parks, gegenüber dem Parlamentsgebäude. Der Palast, dessen Fassade grösser ist als die des Buckingham Palace, wird für offizielle Empfänge, Staatsbesuche und Audienzen genutzt. Jeden Sommer, traditionell von Ende Juli bis Anfang September, wird der Palast für die Öffentlichkeit geöffnet, und Hunderttausende Besucher strömen durch die prunkvollen Säle. Besonders beeindruckend ist der Spiegelsaal, dessen Decke von dem belgischen Künstler Jan Fabre mit den Flügeldecken von 1,6 Millionen Juwelenkäfern gestaltet wurde.
Schloss Laeken im Norden Brüssels ist die tatsächliche Residenz der königlichen Familie. Der neoklassizistische Bau aus dem 18. Jahrhundert liegt inmitten eines weitläufigen Parks. Die legendären Königlichen Gewächshäuser von Laeken, ein Jugendstil-Meisterwerk aus Glas und Eisen, wurden unter Leopold II. errichtet und beherbergen eine einzigartige Sammlung exotischer Pflanzen. Die Gewächshäuser sind nur wenige Wochen im Frühling für die Öffentlichkeit zugänglich und gehören zu den begehrtesten Besuchszielen Belgiens. Die Wartezeiten betragen regelmässig mehrere Stunden.
Weitere königliche Residenzen und Anwesen
Neben dem Königspalast und Schloss Laeken verfügt die belgische Monarchie über weitere bedeutende Liegenschaften. Das Schloss Ciergnon in den belgischen Ardennen dient als Sommerresidenz und Rückzugsort für die königliche Familie. Die königliche Domäne von Stuyvenberg in Laeken war lange Zeit die Residenz von Königinwitwe Fabiola. Das Schloss Belvédère, ebenfalls im Laekener Parkgelände, ist die Residenz von König Albert II. und Königin Paola seit der Abdankung. All diese Anwesen sind Eigentum des belgischen Staates und werden der königlichen Familie zur Verfügung gestellt -- eine Regelung, die sie von den Privatbesitztümern anderer europäischer Königsfamilien unterscheidet.
Nationalfeiertag am 21. Juli
Am belgischen Nationalfeiertag findet eine grosse Militärparade vor dem Königspalast statt, gefolgt von einem Volksfest im Brüsseler Park und einem Feuerwerk am Abend. Der König hält traditionell eine Rede an die Nation, die in allen drei Landessprachen ausgestrahlt wird. Es ist einer der wenigen Momente, in denen sich ganz Belgien als Einheit feiert. Der 21. Juli erinnert an den Tag im Jahr 1831, an dem Leopold I. seinen Eid auf die Verfassung ablegte. Die Feierlichkeiten umfassen neben der Parade auch einen Te Deum in der Kathedrale St. Michael und St. Gudula, einen Empfang im Königspalast und zahlreiche Volksfeste im ganzen Land. Seit 1990 ist der Palast am Nationalfeiertag für die Öffentlichkeit geöffnet, und das Königspaar begrüsst Bürgerinnen und Bürger persönlich.
Königliche Hochzeiten
Königliche Hochzeiten gehören zu den grossen Medienereignissen in Belgien. Die Hochzeit von Kronprinz Philippe und Mathilde d'Udekem d'Acoz am 4. Dezember 1999 wurde von Millionen Zuschauern im Fernsehen verfolgt und brachte dem Kronprinzen, der zuvor als zurückhaltend und wenig charismatisch galt, einen enormen Popularitätsschub. Die Trauung fand in der Kathedrale St. Michael und St. Gudula in Brüssel statt und wurde von prunkvollen Feierlichkeiten begleitet. Auch die Hochzeit von Prinz Laurent, dem jüngeren Bruder Philippes, mit Claire Coombs im Jahr 2003 sorgte für grosses öffentliches Interesse, wenngleich Laurent als exzentrisches Familienmitglied gilt und wiederholt für Kontroversen sorgte.
Die Monarchie als Einheitssymbol im gespaltenen Belgien
In einem Land, das entlang sprachlicher und kultureller Linien tief gespalten ist, erfüllt die Monarchie eine besondere Funktion als einigendes Band. Belgien besteht aus dem niederländischsprachigen Flandern, dem französischsprachigen Wallonien und der zweisprachigen Hauptstadtregion Brüssel, ergänzt durch die kleine deutschsprachige Gemeinschaft im Osten. Diese Gemeinschaften haben eigene Parlamente, Regierungen und weitgehende Autonomie. Das föderale Belgien hat kaum gemeinsame Medien, keine nationalen Parteien und nur wenige gesamtbelgische Institutionen. Der König ist eine der wenigen Figuren, die von allen Gemeinschaften als überparteilicher Vertreter des gesamten Landes anerkannt wird.
Allerdings ist die Unterstützung für die Monarchie in den verschiedenen Landesteilen unterschiedlich ausgeprägt. In Wallonien und Brüssel geniesst das Königshaus traditionell höhere Zustimmungswerte als in Flandern, wo republikanische Strömungen stärker vertreten sind. Die flämische Nationalbewegung, die eine grössere Autonomie oder gar die Unabhängigkeit Flanderns anstrebt, steht der belgischen Monarchie teilweise kritisch gegenüber. Dennoch zeigen Umfragen, dass auch in Flandern eine Mehrheit die Monarchie als stabilisierendes Element akzeptiert.
Die belgische Monarchie im europäischen Vergleich
Belgien ist eine von zehn Monarchien in Europa (neben dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden, Spanien, Schweden, Norwegen, Dänemark, Luxemburg, Liechtenstein und Monaco). Im Vergleich zu anderen europäischen Königshäusern gilt die belgische Monarchie als eher zurückhaltend und weniger glamourös als etwa die britische oder die monegassische. Die Zivilliste des belgischen Königs -- also die jährliche Finanzierung aus dem Staatshaushalt -- beträgt rund 13 Millionen Euro und liegt damit deutlich unter den Kosten der britischen oder niederländischen Monarchie. Die belgische Königsfamilie pflegt jedoch enge Beziehungen zu anderen europäischen Königshäusern, insbesondere zu den Niederlanden und Luxemburg, mit denen historische und familiäre Verbindungen bestehen.
Kontroversen und Herausforderungen
Die belgische Monarchie musste sich im Laufe ihrer Geschichte mehrfach mit schweren Krisen auseinandersetzen. Neben der Königsfrage um Leopold III. und der Kongo-Kontroverse um Leopold II. stellten auch die langen Regierungskrisen eine Herausforderung dar. Während der Regierungsbildungskrise von 2010--2011, als Belgien 541 Tage ohne gewählte Regierung war, fiel dem König eine besonders wichtige Vermittlerrolle zu. Albert II. ernannte zahlreiche Informateurs und Mediatoren, um die zerstrittenen Parteien an den Verhandlungstisch zu bringen.
Eine weitere Herausforderung ist die Frage der kolonialen Aufarbeitung. Die belgische Gesellschaft ringt zunehmend mit dem Erbe der Kolonialzeit im Kongo, in Ruanda und in Burundi. König Philippes Brief von 2020, in dem er sein Bedauern über die Kolonialvergangenheit ausdrückte, wurde von vielen als wichtiger Schritt begrüsst, von anderen jedoch als unzureichend kritisiert, da er keine formelle Entschuldigung enthielt. Das Afrikamuseum in Tervuren, das eng mit der königlichen Geschichte verbunden ist, wurde umfassend renoviert und versucht nun, die Kolonialgeschichte kritischer darzustellen.
Auch Prinz Laurent, der jüngere Bruder König Philippes, sorgte wiederholt für Schlagzeilen und belastete das Ansehen der Königsfamilie. Kontroversen um seine Kontakte zu ausländischen Regierungen, Verstösse gegen das Protokoll und öffentliche Beschwerden über seine Apanage führten zu Spannungen innerhalb der Familie und zu kritischer Medienberichterstattung.
Zukunft der belgischen Monarchie
Die belgische Monarchie steht vor der Herausforderung, sich in einer sich wandelnden Gesellschaft relevant zu halten. Die junge Generation, angeführt von Thronfolgerin Elisabeth, verkörpert eine modernere und offenere Monarchie. Elisabeth hat durch ihre internationale Ausbildung und ihr selbstbewusstes Auftreten bereits Impulse gesetzt. Die Frage, ob die Monarchie in einem zunehmend föderalisierten Belgien langfristig überlebensfähig ist, wird von Politikwissenschaftlern unterschiedlich beantwortet. Viele Experten sind jedoch der Meinung, dass gerade die zunehmende Dezentralisierung die Monarchie als einigendes Element umso wichtiger macht.
Die belgische Monarchie hat in fast 200 Jahren bewiesen, dass sie sich an veränderte Umstände anpassen kann. Vom autoritären Einfluss Leopolds I. über die kolonialen Exzesse Leopolds II. bis hin zur modernen, zurückhaltenden Rolle Philippes hat sich das Königshaus stets weiterentwickelt. Ob als Vermittler in politischen Krisen, als Repräsentant auf internationaler Bühne oder als Symbol der Einheit in einem gespaltenen Land -- die belgische Monarchie bleibt ein faszinierender Bestandteil der europäischen Königslandschaft und ein wesentliches Element der belgischen Identität.