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Belgien

Carillon – Die Kunst der Glockentürme

Das Carillon, ein Glockenspiel mit mindestens 23 aufeinander abgestimmten Glocken, die von einer Klaviatur gespielt werden, ist eine typisch belgische Erfindung. Seit dem 15. Jahrhundert erklingen Carillons von den Belfrieden und Kirchtürmen der flämischen und wallonischen Städte. Die belgische Carillonkultur ist seit 2014 UNESCO-Weltkulturerbe und verbindet Musikkunst, Glockengießerei und bürgerlichen Stolz. Kein anderes Instrument ist so eng mit der Identität eines ganzen Landes verwoben wie das Carillon mit Belgien.

Wer durch eine belgische Stadt spaziert, wird unweigerlich den Klang eines Carillons hören – sei es das automatische Stundenspiel oder ein Livekonzert eines Carillonneurs hoch oben im Glockenturm. Diese akustische Landschaft gehört zu Belgien wie die Pralinenschachteln und die Bierkultur. In keinem anderen Land der Welt stehen so viele Carillons auf so kleinem Raum: Über 80 Instrumente verteilen sich auf flämische, wallonische und Brüsseler Türme.

DefinitionMindestens 23 chromatisch gestimmte Glocken, spielbar über eine Klaviatur
ErfindungsortNiedere Lande (Flandern), 15. Jahrhundert
UNESCO-StatusImmaterielles Kulturerbe der Menschheit seit 2014
Carillon-SchuleKönigliche Carillon-Schule Mechelen (einzige weltweit)
Größtes Carillon BelgiensSt.-Rombouts-Turm Mechelen (49 Glocken)
Anzahl Carillons in BelgienÜber 80 Instrumente landesweit
TonumfangVon 23 Glocken (2 Oktaven) bis 77 Glocken (über 6 Oktaven)
Gewicht der größten GlockeBis zu 8 Tonnen (Bourdon)
Vater des modernen CarillonsJef Denyn (1862–1941), Mechelen
Belfriede (UNESCO)56 Belfriede in Belgien und Frankreich seit 1999/2005

Die Geschichte des Carillons – vom Mittelalter bis heute

Die Wurzeln des Carillons reichen bis ins frühe 15. Jahrhundert zurück, als in den Niederen Landen die ersten mechanischen Turmuhren mit kleinen Glockenspielen ausgestattet wurden. Diese frühen Vorformen – sogenannte Voorslag – spielten kurze Melodien vor dem Stundenschlag und dienten als akustisches Zeitsignal für die Bevölkerung. Im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts wuchsen die Glockenspiele stetig an: Mehr Glocken wurden hinzugefügt, die Stimmung verfeinert und schließlich eine manuelle Klaviatur entwickelt, die es ermöglichte, das Instrument live zu spielen.

Die eigentliche Blütezeit des Carillons begann im 17. Jahrhundert, als die Brüder François und Pieter Hemony in Zusammenarbeit mit dem Gelehrten Jacob van Eyck die Kunst der harmonischen Glockenstimmung perfektionierten. Erstmals war es möglich, Glocken so exakt zu gießen und nachzubearbeiten, dass sie rein klingende Dur- und Moll-Intervalle erzeugten. Diese technische Revolution machte das Carillon zu einem vollwertigen Musikinstrument, auf dem mehrstimmige Kompositionen aufgeführt werden konnten.

Im 18. und 19. Jahrhundert erlebte das Carillon einen Rückgang, da sich die musikalischen Vorlieben änderten und viele Glocken während der Französischen Revolution eingeschmolzen wurden. Erst um 1900 begann eine Renaissance, angeführt von Jef Denyn in Mechelen, der das Carillonspiel als Konzertkunst wiederbelebte und die Grundlage für die moderne Ausbildung legte. Heute erlebt das Carillon weltweit eine neue Blüte, wobei Belgien nach wie vor das unbestrittene Zentrum dieser einzigartigen Musikform bleibt.

Wie ein Carillon funktioniert

Der Carillonneur spielt das Instrument über eine spezielle Klaviatur, das sogenannte Stockenklavier (auch Baton-Keyboard genannt). Dieses Instrument befindet sich in einer Spielkammer im Inneren des Turms, oft mehrere Stockwerke unterhalb der Glocken. Die Klaviatur besteht aus runden Holzstäben (Stocken), die in zwei Reihen angeordnet sind – ähnlich den weißen und schwarzen Tasten eines Klaviers, jedoch deutlich größer und weiter auseinander.

Der Carillonneur schlägt die Stocken mit den Fäusten und den Handkanten. Die Füße betätigen gleichzeitig eine Pedalreihe, die mit den großen Bassglocken verbunden ist. Über ein ausgeklügeltes System aus Drähten und Hebeln sind die Stocken und Pedale mit den Klöppeln der Glocken verbunden. Je nachdem, wie fest der Musiker zuschlägt, erklingt die Glocke lauter oder leiser – das Instrument erlaubt also dynamische Abstufungen, was es von rein mechanischen Glockenspielen unterscheidet.

Ein modernes Konzertcarillon umfasst in der Regel 47 bis 52 Glocken, die chromatisch gestimmt sind und einen Tonumfang von etwa vier Oktaven abdecken. Es gibt jedoch auch große Instrumente mit bis zu 77 Glocken und einem Umfang von über sechs Oktaven. Die kleinste Glocke eines Carillons wiegt oft nur wenige Kilogramm, während die größte – der sogenannte Bourdon – bis zu acht Tonnen auf die Waage bringen kann. Neben dem Livespiel verfügen die meisten Carillons auch über eine automatische Spieltrommel, die zu festgelegten Zeiten Melodien abspielt.

Jef Denyn – Vater des modernen Carillons

Jef Denyn (1862–1941) gilt als die bedeutendste Persönlichkeit in der Geschichte des Carillons. Als Stadtcarillonneur von Mechelen ab 1887 revolutionierte er die Spieltechnik und verwandelte das Carillon von einem einfachen Gebrauchsinstrument in ein anerkanntes Konzertinstrument. Denyn entwickelte eine neuartige Anschlagtechnik, die es ermöglichte, weichere und ausdrucksvollere Klänge zu erzeugen. Er führte das Tremolo ein – eine rasche Wiederholung desselben Tons – und arbeitete an der Verbesserung der Turmakustik.

Seine legendären Mondscheinkonzerte am St.-Rombouts-Turm, bei denen er an Sommerabenden unter freiem Himmel vor Hunderten von Zuhörern spielte, machten Mechelen zum internationalen Pilgerziel für Musikliebhaber. Im Jahr 1922 gründete Denyn die Königliche Carillon-Schule (Koninklijke Beiaardschool), die bis heute die einzige eigenständige Hochschule für Carillonspiel weltweit ist. Sein Vermächtnis lebt in jeder Carillon-Aufführung fort, und der internationale Carillon-Wettbewerb in Mechelen trägt seinen Namen.

Mechelen – Welthauptstadt des Carillons

Mechelen ist das unangefochtene Zentrum der internationalen Carillonwelt. Die Stadt beheimatet nicht nur die Königliche Carillon-Schule, sondern auch zwei bedeutende Carillons: das Instrument im St.-Rombouts-Turm mit 49 Glocken und das Carillon der Kirche Onze-Lieve-Vrouw-over-de-Dijle. Studierende aus allen Kontinenten – von Nordamerika über Asien bis Australien – kommen nach Mechelen, um die Kunst des Glockenspiels in einem dreijährigen Studiengang zu erlernen.

Die Ausbildung an der Königlichen Carillon-Schule ist äußerst anspruchsvoll und umfasst neben dem praktischen Spiel auch Musiktheorie, Komposition, Akustik und Glockenkunde. Der St.-Rombouts-Turm, der 97 Meter in den Himmel ragt, dient als Übungs- und Konzertsaal. Im Sommer finden regelmäßig Konzerte statt, bei denen die Mecheler und ihre Gäste auf dem Grote Markt sitzen und der Musik lauschen, die aus dem Turm herabströmt. Das Carillon-Museum in Mechelen bietet darüber hinaus eine umfassende Sammlung historischer Glocken, Klaviaturen und Dokumente zur Geschichte des Instruments.

Berühmte Carillons in Belgien

Brügge – Belfried

Das Carillon im Brügger Belfried ist eines der berühmtesten der Welt und besteht aus 47 Glocken. Der Turm, der seit 1999 zum UNESCO-Welterbe gehört, überragt den Grote Markt und ist das Wahrzeichen der Stadt. Im Sommer finden mehrmals wöchentlich Carillonkonzerte statt. Die älteste Glocke stammt aus dem Jahr 1748.

Gent – Belfried

Der Belfried von Gent beherbergt ein Carillon mit 54 Glocken, eines der größten des Landes. Die Genter Carillonkonzerte sind fester Bestandteil der berühmten Gentse Feesten im Juli. Der Belfried, zusammen mit der Sint-Baafs-Kathedrale und der Sint-Niklaaskerk, bildet die berühmte Dreiturmreihe der Stadt.

Mons – Barocker Belfried

Der barocke Belfried von Mons – der einzige barocke Belfried Belgiens – beherbergt ein Carillon mit 49 Glocken. Das Glockenspiel begleitet die traditionelle Ducasse de Mons und erklingt regelmäßig über den Grand-Place. Der Turm wurde im 17. Jahrhundert errichtet und ist UNESCO-Welterbe.

Mechelen – St.-Rombouts-Turm

Der 97 Meter hohe St.-Rombouts-Turm in Mechelen beherbergt das wohl bedeutendste Carillon der Welt. Mit 49 Glocken und der angeschlossenen Königlichen Carillon-Schule ist er das Herz der internationalen Carillonkultur. Jef Denyns legendäre Mondscheinkonzerte fanden hier statt.

Antwerpen – Kathedrale

Die Liebfrauenkathedrale von Antwerpen besitzt ein Carillon mit 49 Glocken im Nordturm. Es ist eines der ältesten Carillons der Welt und erklingt regelmäßig über die Altstadt. Der Turm selbst gehört zum UNESCO-Welterbe und ist mit 123 Metern der höchste Kirchturm der Benelux-Staaten.

Löwen – Universitätsbibliothek

Das Carillon der Universitätsbibliothek von Löwen ist eng mit der wechselvollen Geschichte der Stadt verbunden. Die Bibliothek wurde im Ersten Weltkrieg zerstört und mit amerikanischer Hilfe wiederaufgebaut. Das Carillon mit 63 Glocken symbolisiert Frieden und kulturelle Wiedergeburt.

Die Belfriede Belgiens und Frankreichs – UNESCO-Welterbe

Seit 1999 stehen die Belfriede von Belgien auf der UNESCO-Welterbeliste, erweitert 2005 um Belfriede in Nordfrankreich. Insgesamt 56 Türme bilden diese einzigartige Welterbestätte, davon 33 in Belgien. Belfriede waren im Mittelalter die Türme der bürgerlichen Freiheit – Gegenstücke zu den Kirchtürmen der geistlichen und den Burgtürmen der weltlichen Macht. Sie dienten als Wachtürme, Schatzkammern und Versammlungsorte und beherbergten die Stadtglocken, die das tägliche Leben regelten.

Die enge Verbindung zwischen Belfried und Carillon erklärt sich aus dieser bürgerlichen Funktion: Die Glocken schlugen die Stunden, riefen zu Versammlungen, warnten bei Feuer und Feindgefahr und markierten Feiertage mit festlichen Melodien. Im Laufe der Jahrhunderte wuchsen die Glockenspiele, und das Carillon wurde zum musikalischen Ausdruck städtischen Selbstbewusstseins. Bis heute sind die Belfriede die bevorzugten Standorte für Carillons, und jede Stadt pflegt ihr Instrument als Teil ihres kulturellen Erbes.

Die Kunst der Glockengießerei

Die Herstellung von Carillonglocken gehört zu den anspruchsvollsten Handwerkskünsten überhaupt. Jede Glocke muss in einem einzigen Gussvorgang perfekt gelingen, denn nachträgliche Korrekturen sind nur in begrenztem Umfang möglich. Die traditionelle Legierung besteht aus etwa 80 Prozent Kupfer und 20 Prozent Zinn – eine Zusammensetzung, die als Glockenbronze bekannt ist und sich über Jahrhunderte bewährt hat.

Der Gießprozess beginnt mit der Herstellung einer Form aus Lehm und Ziegelsplitt, die in wochenlanger Arbeit schichtweise aufgebaut und getrocknet wird. Die innere Kernform und die äußere Mantelform bestimmen das Profil der Glocke und damit ihren Klang. Nach dem Guss wird die Glocke sorgfältig gestimmt: Ein Glockenstimmer trägt auf einer Drehbank Material von der Innenseite ab, um die Teiltöne exakt aufeinander abzustimmen. Eine gut gestimmte Glocke erzeugt einen Grundton sowie mehrere harmonische Obertöne – den Unterton, die Terz, die Quinte und die Oktave.

Die bedeutendsten Glockengießereien mit Bezug zum belgischen Carillon haben eine lange Tradition. Die Familie Van den Gheyn war über Generationen in Mechelen und Löwen tätig und schuf einige der berühmtesten historischen Carillonglocken. Die niederländische Firma Eijsbouts, gegründet 1872 in Asten, ist heute der weltweit größte Hersteller von Carillonglocken und hat zahlreiche belgische Instrumente gefertigt oder restauriert. Auch die Firma Petit & Fritsen, ebenfalls aus den Niederlanden, lieferte Glocken für belgische Carillons. Die Tradition der Glockengießerei in den Niederen Landen ist untrennbar mit der Geschichte des Carillons verbunden.

Das Stimmungssystem der Carillonglocken

Das Stimmen einer Carillonglocke ist eine Wissenschaft für sich. Anders als bei Saiteninstrumenten, deren Stimmung einfach durch Veränderung der Spannung angepasst werden kann, ist die Stimmung einer gegossenen Glocke nahezu endgültig. Feine Korrekturen erfolgen durch das Abtragen von Material an der Innenwand der Glocke auf einer speziellen Drehbank. Dabei müssen fünf Teiltöne gleichzeitig berücksichtigt werden: der Schlagton, der Unterton (eine Oktave unter dem Schlagton), die Terz, die Quinte und die obere Oktave.

Die Hemony-Brüder waren im 17. Jahrhundert die Ersten, die dieses komplexe Stimmungsproblem systematisch lösten. Ihre Erkenntnisse bilden bis heute die Grundlage der Carillon-Stimmung. Eine besondere Herausforderung ist die Terz: Bei traditionellen Carillons erklingt eine kleine Terz (Mollterz), was dem Glockenklang seinen charakteristisch wehmütigen Charakter verleiht. Moderne Gießer können jedoch auch Glocken mit großer Terz (Durterz) herstellen, was dem Carillon einen helleren, freudigeren Grundklang gibt.

Der Carillonneur – ein einzigartiger Beruf

Der Beruf des Carillonneurs ist einer der seltensten Musikerberufe der Welt. In Belgien sind etwa 30 Stadtcarillonneure hauptberuflich tätig, dazu kommen zahlreiche nebenberufliche Spieler und Studenten. Die Arbeit eines Carillonneurs umfasst weit mehr als das Spielen von Konzerten: Er programmiert das automatische Spielwerk, wählt die Melodien für die verschiedenen Anlässe aus, wartet die Mechanik und pflegt die Tradition seiner Stadt.

Physisch ist das Carillonspiel äußerst anspruchsvoll. Der Carillonneur sitzt auf einer Bank vor dem Stockenklavier, schlägt die Holzstäbe mit den Handkanten und Fäusten und tritt gleichzeitig die Pedale. Bei einem Konzert von 45 bis 60 Minuten Dauer ist dies eine beträchtliche körperliche Leistung, besonders im Sommer, wenn die Temperaturen in der Glockenstube unter dem Dach leicht 40 Grad erreichen können. Gleichzeitig muss der Musiker höchste künstlerische Sensibilität zeigen, denn die Dynamik – also die Lautstärke der einzelnen Töne – wird allein durch die Kraft des Anschlags gesteuert.

Ein besonderes Merkmal des Carillonneur-Berufs ist die Unsichtbarkeit: Der Musiker spielt hoch oben im Turm, während das Publikum unten auf dem Platz sitzt und ihn nicht sehen kann. Diese Distanz zwischen Künstler und Zuhörer verleiht dem Carillonkonzert eine ganz eigene, fast mystische Atmosphäre. In manchen Städten gibt es Bildschirme oder Kameras, die das Spiel des Carillonneurs nach unten übertragen, doch traditionell bleibt er dem Publikum verborgen.

Sommerkonzertreihen und Carillonfestivals

In den Sommermonaten verwandeln sich die belgischen Marktplätze in Freiluftkonzertsäle. Fast jede Stadt mit einem Carillon veranstaltet von Juni bis September eine wöchentliche Konzertreihe, bei der lokale und internationale Carillonneure auftreten. Die Konzerte sind in der Regel kostenlos und dauern etwa eine Stunde. Die Zuhörer versammeln sich auf dem Platz unter dem Turm, oft mit einem Getränk von einer nahegelegenen Terrasse.

Die berühmtesten Konzertreihen finden in Mechelen, Brügge, Gent und Antwerpen statt. Darüber hinaus gibt es mehrere bedeutende Carillonfestivals. Das Internationale Carillon-Festival in Mechelen, das alle drei Jahre stattfindet, ist der renommierteste Wettbewerb für Carillonneure weltweit und trägt den Namen von Jef Denyn. Auch in Brügge und im wallonischen Mons finden regelmäßig Carillon-Veranstaltungen statt, die Musikliebhaber und Fachpublikum aus aller Welt anziehen.

Carillon und Stadtidentität

In Belgien ist das Carillon weit mehr als ein Musikinstrument – es ist Ausdruck städtischer Identität und bürgerlichen Stolzes. Seit dem Mittelalter definierten die Glocken den Rhythmus des städtischen Lebens: Sie riefen zur Arbeit, zur Versammlung und zum Gebet, warnten bei Gefahr und feierten Freude. Jede Stadt hatte ihre eigene Glockenmelodie, an der Reisende die Stadt schon von Weitem erkennen konnten. Diese Tradition lebt bis heute fort: Jedes belgische Carillon spielt seine eigene Erkennungsmelodie, und die Bürger identifizieren sich stark mit dem Klang ihrer Stadtglocken. Wenn ein Carillon schweigt – etwa während einer Restaurierung – empfinden die Einwohner dies als spürbaren Verlust, als würde der Stadt ihre Stimme fehlen.

Moderne Carillonkompositionen

Obwohl das Carillon ein historisches Instrument ist, hat es auch in der zeitgenössischen Musik seinen festen Platz. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts haben zahlreiche Komponisten eigens für das Carillon geschrieben, darunter Staf Nees, Geert D'hollander und Koen Cosaert aus Belgien. Diese Werke nutzen die besonderen klanglichen Möglichkeiten des Instruments – die langen Nachhallzeiten, die Obertonstruktur und die räumliche Wirkung – auf innovative Weise.

Moderne Carillonkompositionen umfassen alle Stilrichtungen: von neoklassischen Werken über minimalistische Klangstudien bis hin zu experimentellen Stücken, die elektronische Elemente integrieren. Einige Komponisten arbeiten mit der Architektur des Turms und dem umgebenden Stadtraum als Teil des Klangerlebnisses. Die Königliche Carillon-Schule in Mechelen fördert aktiv die Komposition neuer Werke und vergibt regelmäßig Auftragsarbeiten. So bleibt das Carillon ein lebendiges Instrument, das Tradition und Innovation verbindet.

Carillonkonzerte erleben – Tipps für Besucher

Wer die Magie eines Carillonkonzerts erleben möchte, sollte folgende Tipps beachten: Die besten Plätze befinden sich direkt auf den Marktplätzen unter den Belfrieden, wo der Klang am klarsten ist. Ein Platz auf einer Caféterrasse mit Blick auf den Turm macht das Erlebnis besonders angenehm. In Mechelen können Besucher nach Anmeldung sogar die Spielkammer im St.-Rombouts-Turm besichtigen und dem Carillonneur über die Schulter schauen. Das Carillon-Museum in Mechelen bietet zudem eine umfassende Einführung in die Geschichte und Technik des Instruments. Die Sommermonate von Juni bis September sind die beste Zeit für Carillonkonzerte, da in dieser Periode die meisten Städte ihre wöchentlichen Konzertreihen veranstalten.

Wichtige Daten und Zahlen im Überblick

Ältestes Carillon BelgiensAntwerpen, Liebfrauenkathedrale (Glocken ab dem 16. Jh.)
Anzahl Belfriede (UNESCO)33 in Belgien, 23 in Frankreich
Gründung der Carillon-Schule1922 durch Jef Denyn in Mechelen
Studiendauer3 Jahre (Bachelor-Niveau)
Legierung der GlockenCa. 80% Kupfer, 20% Zinn (Glockenbronze)
SommerkonzerteJuni bis September, meist wöchentlich
Berühmteste GlockengießerHemony, Van den Gheyn, Eijsbouts, Petit & Fritsen
Jef-Denyn-WettbewerbInternationaler Carillon-Wettbewerb in Mechelen (alle 3 Jahre)