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Triumphbogen

Geschichte Belgiens

Die Geschichte Belgiens ist eine faszinierende Erzählung von Eroberung und Freiheit, von Wohlstand und Zerstörung, von kultureller Blüte und politischer Komplexität. Das Land, das erst seit 1830 als eigenständiger Staat existiert, blickt auf eine Jahrtausende alte Siedlungsgeschichte zurück, die es zum Schauplatz einiger der bedeutendsten Ereignisse der europäischen Geschichte gemacht hat. Kaum ein anderes Land in Europa wurde so oft von fremden Mächten regiert, und dennoch hat das Gebiet des heutigen Belgiens stets eine eigenständige kulturelle Identität bewahrt. Von den keltischen Stämmen der Antike über die burgundische Prachtentfaltung bis hin zur Gründung der Europäischen Union bildet diese Geschichte ein einzigartiges Mosaik europäischer Erfahrungen.

Erste BesiedlungKeltische Belger, ab ca. 3. Jahrhundert v. Chr.
Römische Eroberung57 v. Chr. durch Julius Caesar
Fränkisches ReichAb dem 5. Jahrhundert n. Chr.
Burgundische Herrschaft1384 bis 1477
Habsburgische Niederlande1477 bis 1556
Spanische Niederlande1556 bis 1713
Österreichische Niederlande1713 bis 1795
Französische Herrschaft1795 bis 1815
Vereinigtes Königreich der Niederlande1815 bis 1830
Unabhängigkeit Belgiens4. Oktober 1830
Gründungsmitglied der EGKS1951
Bundesstaatreform1993 vollendet

Die keltischen Belger und die römische Eroberung

Die keltischen Belger, nach denen Belgien seinen Namen trägt, besiedelten das Gebiet zwischen Seine, Marne und Rhein ab etwa dem 3. Jahrhundert v. Chr. Sie waren ein Verband verschiedener Stämme, darunter die Nervier, Eburonen, Moriner und Atrebaten. Julius Caesar, der die Region 57 v. Chr. im Rahmen des Gallischen Krieges eroberte, beschrieb die Belger in seinem Werk als besonders tapfer und widerstandsfähig. Vor allem der Aufstand der Eburonen unter ihrem Anführer Ambiorix im Jahr 54 v. Chr., bei dem eine gesamte römische Legion vernichtet wurde, blieb in der Geschichtsschreibung lange in Erinnerung. Ambiorix gilt bis heute als Symbol des Widerstands und ist mit einem Denkmal auf dem Großen Markt von Tongeren verewigt.

Unter römischer Herrschaft entwickelte sich die Provinz Gallia Belgica zu einem wichtigen Bestandteil des Imperiums. Tongeren (Atuatuca Tungrorum) wurde zur ersten Stadt auf belgischem Boden und erhielt den Status eines Municipiums. Die Römer errichteten ein ausgedehntes Straßennetz, das Städte wie Tournai (Turnacum), Arlon (Orolaunum) und Bavay miteinander verband. Villen, Thermen und Tempel prägten das Landschaftsbild. Die Romanisierung brachte den lateinischen Einfluss mit sich, der in der wallonischen Region bis in die Sprache hinein nachwirkt.

Das Frankenreich und die Merowinger

Mit dem Zerfall des Weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert drangen germanische Stämme in das Gebiet ein. Die Franken, unter ihrem legendären König Chlodwig I., machten Tournai zu einem der ersten Machtzentren des Merowingerreiches. Das Grab von Childeric I., Chlodwigs Vater, wurde 1653 in Tournai entdeckt und zählt zu den bedeutendsten archäologischen Funden der Frühgeschichte. Die goldenen Bienen aus seinem Grabschatz inspirierten sogar Napoleon, der sie als Symbol seiner Herrschaft übernahm.

Unter den Karolingern verschob sich das politische Zentrum nach Osten, doch das Gebiet des heutigen Belgiens blieb ein Kernland des fränkischen Reiches. Nach der Teilung des Reiches im Vertrag von Verdun 843 wurde das Gebiet zwischen dem westfränkischen und dem ostfränkischen Reich aufgeteilt, eine Spaltung, die bis heute in der Sprachgrenze zwischen Flandern und Wallonien nachklingt. Im Hochmittelalter entstanden zahlreiche Grafschaften und Herzogtümer, darunter die Grafschaft Flandern, das Herzogtum Brabant, die Grafschaft Hennegau und das Fürstbistum Lüttich.

Mittelalterliche Tuchhandel-Metropolen

Im 12. und 13. Jahrhundert stiegen die flämischen Städte Brügge, Gent und Ypern zu den reichsten und mächtigsten Handelszentren Nordeuropas auf. Der Tuchhandel war die treibende Kraft dieses Wohlstands: Englische Wolle wurde in Flandern zu hochwertigen Tuchen verarbeitet und in ganz Europa verkauft. Brügge entwickelte sich zum wichtigsten Handelsplatz Nordwesteuropas, an dem Kaufleute aus Italien, Deutschland, Spanien und der Levante zusammentrafen. Die Stadt beherbergte Kontore der Hanse und wurde zum Geburtsort des modernen Bankwesens und der Börse.

Gent war im 14. Jahrhundert eine der größten Städte Europas mit einer selbstbewussten Bürgerschaft, die wiederholt gegen die Autorität der Grafen von Flandern aufbegehrte. Jacob van Artevelde, der berühmte Genter Bierbrauer und Politiker, führte die Stadt zeitweise als de facto unabhängigen Stadtstaat. Ypern wiederum war für seine Tuchhalle bekannt, eines der größten gotischen Profangebäude Europas, das die wirtschaftliche Macht der Stadt eindrucksvoll demonstrierte. Die flämischen Städte erreichten einen Grad an urbaner Entwicklung, der in Nordeuropa seinesgleichen suchte, mit einer dichten Bevölkerung, einer breiten Mittelschicht und einer ausgeprägten Zunftkultur.

Brügge

Wichtigster Handelsplatz Nordwesteuropas im 13. und 14. Jahrhundert. Geburtsort der Börse und Sitz zahlreicher internationaler Handelskontore. Mehr erfahren

Gent

Größte Stadt der Niederlande im Mittelalter mit stolzer Bürgerschaft und mächtigen Zünften. Zentrum der Tuchproduktion und des politischen Widerstands. Mehr erfahren

Ypern

Dritte große Tuchstadt Flanderns mit der gewaltigen Tuchhalle als Wahrzeichen. Wurde im Ersten Weltkrieg fast vollständig zerstört und originalgetreu wieder aufgebaut.

Antwerpen

Stieg im 16. Jahrhundert zum wichtigsten Hafen Europas auf und übernahm die Handelsführung von Brügge. Bis heute Zentrum des Diamantenhandels. Mehr erfahren

Burgundische Blütezeit und die Flämischen Primitiven

Im 15. Jahrhundert erlebte das Gebiet der heutigen Niederlande und Belgiens unter den Herzögen von Burgund seine kulturelle und wirtschaftliche Hochblüte. Philipp der Gute (1396-1467) vereinigte durch geschickte Heiratspolitik, Erbschaften und Käufe nahezu alle niederländischen Provinzen unter seiner Herrschaft und schuf einen der mächtigsten Staaten Europas. Sein Hof in Brüssel und Mechelen galt als der glanzvollste nördlich der Alpen, berühmt für seine Prachtentfaltung, seine Feste und seine Förderung der Künste. Philipp gründete 1430 den Orden vom Goldenen Vlies, einen der prestigeträchtigsten Ritterorden der Geschichte.

Sein Sohn Karl der Kühne (1433-1477) verfolgte noch ehrgeizigere Pläne und versuchte, ein Königreich Burgund zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich zu errichten. Seine Feldzüge gegen die Schweizer Eidgenossenschaft endeten jedoch in den verheerenden Niederlagen von Grandson, Murten und Nancy, wo er 1477 fiel. Sein Tod leitete das Ende des unabhängigen Burgund ein und brachte die reichen Niederlande unter die Kontrolle der Habsburger.

Künstlerisch war diese Epoche von den Flämischen Primitiven geprägt, einer Malereirichtung, die die europäische Kunst revolutionierte. Jan van Eyck, Hofmaler Philipps des Guten, perfektionierte die Technik der Ölmalerei und schuf mit dem Genter Altar eines der bedeutendsten Kunstwerke der abendländischen Geschichte. Rogier van der Weyden, Hugo van der Goes und Hans Memling brachten eine bis dahin nie gekannte Detailtreue und emotionale Tiefe in ihre Werke ein. Die flämische Malerei beeinflusste Künstler in ganz Europa und legte den Grundstein für die spätere Barockmalerei eines Peter Paul Rubens. Mehr zur belgischen Kunst

Die Habsburger und Kaiser Karl V.

Durch die Heirat Maria von Burgunds mit Maximilian I. von Habsburg im Jahr 1477 fielen die burgundischen Niederlande an das Haus Habsburg. Ihr Enkel Karl V., am 24. Februar 1500 in Gent geboren, wurde zu einem der mächtigsten Herrscher der Weltgeschichte. Als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, König von Spanien und Herrscher über die Neue Welt regierte er ein Reich, in dem die Sonne nie unterging. Trotz seiner weltumspannenden Macht blieb Karl den Niederlanden zeitlebens verbunden und sprach Flämisch als Muttersprache.

Unter Karls Herrschaft blühte Antwerpen zur wichtigsten Handelsmetropole Europas auf und übernahm die Rolle, die zuvor Brügge innegehabt hatte. Die Stadt am Scheldeufer wurde zum Zentrum des Gewürzhandels, des Buchdrucks und des aufkommenden Kapitalismus. Die Antwerpener Börse, 1531 eröffnet, war die erste Warenbörse der Welt und diente als Vorbild für alle späteren europäischen Handelsplätze. Mehr zu Antwerpen

Die Spanischen Niederlande und die Religionskriege

Als Karl V. 1556 abdankte, fielen die Niederlande an seinen Sohn Philipp II. von Spanien. Dessen harte Linie gegen den aufkeimenden Protestantismus und sein Versuch, die Autonomie der niederländischen Provinzen einzuschränken, führten zu wachsendem Widerstand. Der Bildersturm von 1566, bei dem protestantische Eiferer Kirchen und Klöster verwüsteten, löste eine Gewaltspirale aus. Philipps Statthalter, der Herzog von Alba, reagierte mit dem berüchtigten Blutrat, der Tausende hinrichten ließ.

Der daraus folgende Achtzigjährige Krieg (1568-1648) spaltete die Niederlande in zwei Teile. Die nördlichen Provinzen, angeführt von Wilhelm von Oranien, erklärten sich 1581 unabhängig und gründeten die Republik der Vereinigten Niederlande. Die südlichen Provinzen, die dem katholischen Glauben treu blieben, verblieben unter spanischer Herrschaft. Diese Spaltung, besiegelt im Westfälischen Frieden von 1648, hatte tiefgreifende Folgen: Antwerpen verlor seinen Zugang zum Meer, als die Holländer die Schelde blockierten, und die einst blühende Handelsmetropole geriet in einen wirtschaftlichen Niedergang. Die Grenze zwischen Nord und Süd legte den Grundstein für die spätere Trennung zwischen den Niederlanden und Belgien.

Der Achtzigjährige Krieg und seine Folgen

Die Spaltung der Niederlande im 16. und 17. Jahrhundert war eines der folgenreichsten Ereignisse der belgischen Geschichte. Der Norden wurde protestantisch, republikanisch und wirtschaftlich dominant. Der Süden blieb katholisch, aristokratisch und geriet unter Fremdherrschaft. Diese Teilung bestimmte den Charakter beider Staaten für Jahrhunderte und wirkt bis heute nach: Die kulturellen, religiösen und politischen Unterschiede zwischen den Niederlanden und Belgien gehen direkt auf diese Epoche zurück.

Die Österreichischen Niederlande unter Maria Theresia

Nach dem Spanischen Erbfolgekrieg fielen die Südlichen Niederlande 1713 im Vertrag von Utrecht an die österreichischen Habsburger. Unter der Herrschaft Maria Theresias (1740-1780) erlebte das Gebiet eine Phase der Modernisierung und des wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Kaiserin förderte den Straßenbau, reformierte die Verwaltung und unterstützte die Wirtschaft. Brüssel wurde zu einer eleganten Residenzstadt mit dem Bau des Königlichen Platzes und der klassizistischen Umgestaltung des Stadtzentrums.

Maria Theresias Sohn Joseph II. ging mit seinen radikalen Reformen jedoch zu weit und löste 1789 die Brabanter Revolution aus, die vorübergehend zur Unabhängigkeit der Vereinigten Belgischen Staaten führte. Diese kurzlebige Republik wurde jedoch schnell von österreichischen Truppen niedergeschlagen. Die Verbindung mit Österreich endete erst durch die Französische Revolution und die nachfolgenden Kriege.

Französische Revolution und Napoleon

1795 annektierte das revolutionäre Frankreich die Österreichischen Niederlande, und das Gebiet wurde in französische Departements aufgeteilt. Die französische Herrschaft brachte tiefgreifende Veränderungen mit sich: Die Abschaffung der Feudalrechte, die Einführung des Code Civil, die Säkularisierung von Kirchengütern und die Neuordnung der Verwaltung. Das metrische System und das französische Rechtssystem wurden eingeführt und bestehen in ihren Grundzügen bis heute fort.

Gleichzeitig litten die Belgier unter der Zwangsrekrutierung für Napoleons Armeen und der wirtschaftlichen Ausbeutung. Napoleons endgültige Niederlage fand auf belgischem Boden statt: Am 18. Juni 1815 besiegten die Alliierten unter Wellington und Blücher den Kaiser bei Waterloo, südlich von Brüssel. Dieses Schlachtfeld ist heute eine der meistbesuchten historischen Stätten Belgiens.

Wiener Kongress und die Vereinigung mit den Niederlanden

Der Wiener Kongress von 1815 schuf das Vereinigte Königreich der Niederlande unter Wilhelm I. von Oranien-Nassau, das die nördlichen und südlichen Niederlande erstmals seit dem 16. Jahrhundert wieder vereinte. Doch die Unterschiede waren zu groß: Der protestantische, handeltreibende Norden und der katholische, industrialisierte Süden fanden keine gemeinsame Grundlage. Die Bevorzugung der niederländischen Sprache, die Benachteiligung der katholischen Kirche und die ungleiche politische Vertretung sorgten für wachsenden Unmut im Süden.

Die Belgische Revolution von 1830

Am Abend des 25. August 1830 verließ das Publikum nach einer Aufführung der Oper La Muette de Portici (Die Stumme von Portici) von Daniel Auber das Brüsseler Theaterhaus Muntschouwburg in aufgeheizter Stimmung. Die Oper, die den neapolitanischen Aufstand von 1647 thematisiert, traf den Nerv der unzufriedenen Brüsseler Bürgerschaft. Auf den Straßen kam es zu spontanen Demonstrationen, die sich rasch zu einem bewaffneten Aufstand ausweiteten. Innerhalb weniger Wochen hatten die Aufständischen die holländischen Truppen aus Brüssel vertrieben.

Am 4. Oktober 1830 erklärte eine provisorische Regierung die Unabhängigkeit Belgiens. Ein Nationalkongress erarbeitete eine der fortschrittlichsten Verfassungen Europas, die Pressefreiheit, Religionsfreiheit und bürgerliche Grundrechte garantierte. Am 21. Juli 1831 leistete Leopold I. von Sachsen-Coburg-Gotha den Eid als erster König der Belgier. Der 21. Juli ist bis heute der belgische Nationalfeiertag. Belgiens Neutralität wurde von den europäischen Großmächten im Vertrag von London 1839 garantiert. Mehr zur Monarchie

25. August 1830Die Oper La Muette de Portici in Brüssel löst den Aufstand aus
26.-27. September 1830Straßenkämpfe in Brüssel, Holländer werden vertrieben
4. Oktober 1830Erklärung der Unabhängigkeit durch die provisorische Regierung
3. November 1830Wahl des Nationalkongresses
7. Februar 1831Verabschiedung der belgischen Verfassung
21. Juli 1831Eidleistung von König Leopold I.
19. April 1839Vertrag von London garantiert Belgiens Neutralität

Industrialisierung und Leopold II.

Belgien war das erste Land auf dem europäischen Festland, das sich industrialisierte. Bereits in den 1820er Jahren entstanden in der Wallonie rund um Lüttich, Charleroi und Mons moderne Kohlegruben, Eisenhütten und Maschinenfabriken. John Cockerill gründete in Seraing bei Lüttich eines der größten Stahlwerke der Welt. Das belgische Eisenbahnnetz, das 1835 mit der Strecke Brüssel-Mechelen eröffnet wurde, war das erste auf dem europäischen Kontinent. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war Belgien nach Großbritannien die zweitgrößte Industriemacht der Welt.

König Leopold II. (1865-1909) nutzte den Reichtum des Landes, um Brüssel zu einer modernen Großstadt umzubauen. Der Cinquantenaire-Park, das Königliche Afrikamuseum in Tervuren und zahlreiche prächtige Boulevards zeugen von seinem Gestaltungswillen. Doch Leopolds Herrschaft über den Kongo-Freistaat (1885-1908), den er als persönlichen Privatbesitz führte, gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Kolonialgeschichte. Die brutale Ausbeutung der Bevölkerung für die Kautschukgewinnung forderte Millionen von Opfern und löste nach Enthüllungen durch Journalisten und Menschenrechtler einen internationalen Skandal aus. 1908 wurde der Kongo schließlich dem belgischen Staat übertragen, blieb jedoch bis 1960 eine Kolonie.

Der Erste Weltkrieg: Flandern als Schlachtfeld

Am 4. August 1914 überschritten deutsche Truppen die belgische Grenze und verletzten damit die durch den Vertrag von London garantierte Neutralität des Landes. Dieser Einmarsch veranlasste Großbritannien zum Kriegseintritt und machte Belgien zum ersten Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs. König Albert I. weigerte sich, zu kapitulieren, und zog sich mit der belgischen Armee hinter die Yser-Linie in Westflandern zurück, wo er den letzten Streifen belgischen Territoriums vier Jahre lang verteidigte.

Die Schlachten rund um Ypern gehören zu den blutigsten der gesamten Kriegsgeschichte. Bei der Zweiten Flandernschlacht 1915 setzte die deutsche Armee erstmals Giftgas ein. Die Schlacht von Passchendaele 1917 kostete in wenigen Monaten über 500.000 Soldaten auf beiden Seiten das Leben. Der Friedhof und das Menin-Tor-Denkmal in Ypern, wo jeden Abend um 20 Uhr der Last Post geblasen wird, erinnern an die Gefallenen. Das Gedicht In Flanders Fields des kanadischen Arztes John McCrae machte das Bild der Mohnblumen auf den flandrischen Schlachtfeldern zum weltweiten Symbol des Gedenkens. Mehr zu den Schlachtfeldern

Ypern und der Erste Weltkrieg

Ypern war Schauplatz dreier großer Schlachten und des ersten Giftgaseinsatzes in der Kriegsgeschichte. Die Tuchhalle wurde vollständig zerstört und nach dem Krieg originalgetreu wieder aufgebaut.

Passchendaele 1917

Die Dritte Flandernschlacht dauerte von Juli bis November 1917 und forderte über 500.000 Opfer. Der Name Passchendaele wurde zum Synonym für die Sinnlosigkeit des Stellungskriegs.

König Albert I.

Der belgische König führte seine Truppen persönlich an der Yserfront und wurde zum Symbol des belgischen Widerstands. Sein Durchhaltewillen brachte ihm internationalen Respekt ein.

In Flanders Fields

Das Gedicht von John McCrae wurde zum bekanntesten literarischen Werk des Ersten Weltkriegs. Die roten Mohnblumen sind seither das internationale Symbol des Gedenkens an die Gefallenen.

Der Zweite Weltkrieg und die Ardennenoffensive

Am 10. Mai 1940 überfiel das nationalsozialistische Deutschland Belgien erneut. Nach nur 18 Tagen kapitulierte König Leopold III. und begab sich in Kriegsgefangenschaft, eine Entscheidung, die nach dem Krieg zur sogenannten Königsfrage und einer tiefen Staatskrise führte. Belgien litt unter der deutschen Besatzung, die Deportation belgischer Juden, die Zwangsarbeit und die wirtschaftliche Ausbeutung mit sich brachte. Die Kaserne Dossin in Mechelen diente als Sammel- und Durchgangslager, von dem aus über 25.000 Juden und Roma in die Vernichtungslager deportiert wurden.

Im Dezember 1944 startete die Wehrmacht ihre letzte große Offensive im Westen: die Ardennenoffensive (Battle of the Bulge). In den dichten Wäldern und tiefen Tälern der belgischen Ardennen kämpften über eine Million Soldaten unter winterlichen Bedingungen. Besonders die Stadt Bastogne wurde zum Symbol des amerikanischen Widerstands, als die eingeschlossene 101. Luftlandedivision die deutsche Aufforderung zur Kapitulation mit dem berühmt gewordenen Wort ablehnte. Die Offensive scheiterte schließlich und beschleunigte das Ende des Krieges in Europa.

Nachkriegszeit und Europäische Integration

Nach 1945 wurde Belgien zum Motor der europäischen Einigung. Bereits 1944 hatten Belgien, die Niederlande und Luxemburg im Londoner Exil die Benelux-Union gegründet, den ersten Schritt zur europäischen wirtschaftlichen Integration. Der belgische Außenminister Paul-Henri Spaak spielte eine Schlüsselrolle bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) 1951 und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1957. Brüssel wurde zum de facto Hauptsitz der europäischen Institutionen und ist heute neben Washington die wichtigste diplomatische Hauptstadt der Welt. Mehr zur EU in Brüssel

Im Inneren des Landes bestimmten die Sprachenkonflikte zwischen der flämischsprachigen Mehrheit und der französischsprachigen Minderheit die Politik der Nachkriegszeit. Was als kultureller Streit begann, wurde zu einer fundamentalen Frage der staatlichen Organisation. In mehreren Staatsreformen (1970, 1980, 1988/89, 1993, 2001 und 2011) wurde Belgien schrittweise vom Einheitsstaat zum Bundesstaat umgebaut, mit drei Regionen (Flandern, Wallonien, Brüssel-Hauptstadt) und drei Gemeinschaften (Flämische, Französische und Deutschsprachige Gemeinschaft). Mehr zum politischen System

Die Sprachgrenze und die Staatsreformen

1962 wurde die Sprachgrenze gesetzlich festgelegt, die Belgien in ein niederländischsprachiges Flandern, ein französischsprachiges Wallonien und das zweisprachige Brüssel teilt. Diese Grenze, die sich weitgehend an der historischen germanisch-romanischen Sprachgrenze orientiert, ist der vielleicht wichtigste politische Marker des Landes. Die sechs Staatsreformen haben Belgien in eines der komplexesten föderalen Systeme der Welt verwandelt, mit sich überlappenden Zuständigkeiten von Regionen und Gemeinschaften. Mehr zu den Sprachen

Belgien im 21. Jahrhundert

Im 21. Jahrhundert steht Belgien vor der Herausforderung, seine föderale Struktur in einer sich verändernden Welt zu behaupten. Die Spannungen zwischen Flandern und Wallonien bestehen fort, doch die gemeinsame europäische Identität, die kulturelle Vielfalt und wirtschaftliche Verflechtung halten das Land zusammen. 2010/2011 stellte Belgien mit 541 Tagen ohne gewählte Regierung einen Weltrekord auf und funktionierte trotzdem weiter, ein eindrucksvoller Beweis für die Stabilität seiner Institutionen und Verwaltung. Mehr Skurriles

Heute ist Belgien ein wohlhabendes Land im Herzen Europas, Sitz der Europäischen Union, der NATO und zahlreicher internationaler Organisationen. Seine Geschichte als Schnittpunkt germanischer und romanischer Kulturen, als Schlachtfeld europäischer Konflikte und als Wiege der europäischen Einigung macht es zu einem Land von einzigartiger historischer Bedeutung. Die Belgier haben aus ihrer wechselvollen Geschichte eine bemerkenswerte Fähigkeit zum Kompromiss entwickelt, die nicht nur ihr eigenes Land zusammenhält, sondern auch die europäische Politik maßgeblich geprägt hat. Mehr zur EU in Brüssel

Europäische Hauptstadt

Brüssel beherbergt die Europäische Kommission, den Europäischen Rat und das Europäische Parlament. Rund 30.000 EU-Beamte arbeiten in der belgischen Hauptstadt. Mehr erfahren

NATO-Hauptquartier

Das Hauptquartier der NATO befindet sich seit 1967 in Evere bei Brüssel. Belgien ist Gründungsmitglied des Nordatlantikpakts von 1949. Mehr erfahren

Föderaler Bundesstaat

Belgien ist seit 1993 offiziell ein Bundesstaat mit drei Regionen, drei Gemeinschaften und einer der komplexesten Staatsstrukturen der Welt. Mehr erfahren

Kulturelle Vielfalt

Drei Amtssprachen, drei Gemeinschaften und eine reiche Tradition von Kunst, Küche und Lebensart machen Belgien zu einem kulturellen Mikrokosmos Europas. Mehr erfahren